Irland - auf den Spuren von Heinrich Böll

 

aus Kradblatt 12/13
von Achim Lerch

„Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, dass ich eine Grenze überschritten hatte; (...) hier auf dem Dampfer war England zu Ende, hier roch es schon nach Torf, klang kehliges Keltisch aus Zwischendeck und Bar".

Motorradreise IrlandWas Heinrich Böll in seinem „Irischen Tagebuch" von 1957 schreibt, gilt heute nur noch bedingt. Der Dampfer ist einer modernen Fähre gewichen, die den Namen „Ulysses" trägt (und entsprechend im Inneren mit dem übergroßen Konterfei von James Joyce geschmückt ist), den Geruch nach Torf vermag ich nicht wahrzunehmen, und in dem Gemisch aus Touristen aus allen Ecken Europas höre ich auch das „kehlige Keltisch" nicht wirklich heraus. Jedenfalls steigt aber mit jeder Meile, die die Ulysses dem Hafen von Dublin näher kommt, die Vorfreude auf die „Grüne Insel", die ich genau vor 15 Jahren zuletzt besuchen durfte. Damals war Irland ein wirtschaftlich aufstrebendes Land, das den Anschluss an den Rest von Europa vielleicht noch nicht ganz gefunden hatte, aber zumindest vor Augen zu haben schien. Jedenfalls war es nicht mehr das durch massive Auswanderung geprägte „Armenhaus" Europas, das Böll 1957 beschrieb. Heute, in Zeiten der Euro-Krise, gilt Irland hingegen wieder als europäisches Sorgenkind. Die Anzahl der „For Sale"-Schilder an Häusern hat dann nach meinem Eindruck auch signifikant zugenommen, nicht wenige davon an halbfertigen Rohbauten, die davon zeugen, dass hier dem Bauherren das Geld ausgegangen ist.


Motorradreise IrlandDublin lasse ich schnell hinter mir, dieses Jahr steht der Südwesten auf dem Programm, der geprägt ist durch die drei großen Halbinseln Dingle, Iveragh und Beara, südlich davon noch die beiden „Zipfel" mit Sheep's Head und Mizen Head. Ringstraßen wie der Ring of Beara oder der berühmte Ring of Kerry (um Iveragh) erschließen die malerische Küstenlandschaft dieser Halbinseln, kleine Sin­gle-Track Roads und schöne Passstraßen führen durch ihr meist bergiges Inneres (so z.B. der Connor-Pass auf Dingle, der Healy-Pass auf Beara oder der Ballaghasheen-Pass auf Iveragh). Als „Herr der Ringe" will ich auf diesen wunderschönen Straßen und Sträßchen zwei Wochen lang reichlich Fahrspaß und grandiose Landschaften genießen.


„Alles, was es zwischen schwarz und weiß an grauen Tönen gibt, hatte sich am Himmel sein eigenes Wölkchen ausgesucht, der Himmel war bedeckt mit einem Gefieder unzähliger Graus: kein Streifen, kein Fetzchen vom irischen Grün". Böll kommt mir wieder in den Sinn, als ich in Castlemaine auf die kleine, in der Michelin-Karte als „schwierige oder gefährliche Strecke" gekennzeichnete Straße in die Slieve Mish Mountains auf Dingle abbiege. Und als wollte der Literaturnobelpreisträger unbedingt recht behalten, fängt es auf der Nordseite der Gebirgskette zu regnen an, und „der Regen hier ist", so Böll, „absolut, großartig und erschreckend". Den Connor-Pass erlebe ich dann, wie schon vor 15 Jahren, bei Nebel, der nur gelegentlich einen Blick auf die Landschaft frei gibt. Auf der Südseite des Passes reißt dann aber die Wolkendecke auf, und im Ort Dingle flanieren die Touristenscharen in der Sonne. Zuviel Trubel für mich, ich fahre weiter nach Westen und umrunde auf dem Slea Head Drive den westlichen Zipfel von Dingle bevor ich dann auf der südlichen Küstenstraße wieder Richtung Osten fahre und mir in einem Pub bei Inch ein leckeres Sandwich gönne, in der Sonne sitzend und mit Blick auf das nächste Ziel, die gegenüberliegende Halbinsel Iveragh.


Motorradreise Irland„In Irland war ich oft versucht zu sagen: Die Straße gehört der Kuh." In diesem Punkt haben sich die Dinge seit Bölls Irlandbesuch verändert. Die einzigen Kühe, die ich auf der Straße gesehen habe, waren die eigene treue Gummikuh und manche BMW anderer Motorradtouristen, vornehmlich aus England. Die Frage, wem eine der berühmtesten Straßen der Region gehört, der „Ring of Kerry", lässt sich hingegen eindeutig beantworten: Sie gehört den Bussen. In Scharen karren diese die Pauschaltouristen um die Halbinsel Iveragh, und angesichts des Straßenzustands und vor allem der Straßenbreite möchte ich mit den Busfahrern wahrlich nicht tauschen. Engstellen gibt es viele am „Ring of Kerry", eine besonders enge ist die Brücke in Sneem. Wo in Deutschland ganz sicher eine Ampelregelung für Ordnung sorgen würde, verlässt man sich hierzulande auf Improvisation. Das kann manchmal etwas dauern, wenn sich, wie gerade jetzt, ein Reisebus und ein Lie­ferwagen mitten auf der Brücke gegenüberstehen. Was vor allem dadurch zum Problem wird, dass sich hinter beiden bereits eine ansehnliche Autoschlange gebildet hat. Wie so oft im Leben gewinnt auch hier der Stärkere, und es ist der Lieferwagenfahrer, der die Schlange hinter sich abschreitet und die Fahrer zum Rückwärtsfahren auffordert. Das wirklich erstaunliche daran: Niemand, der sich aufregt, niemand der wütend hupt. Ruhig und gelassen wird solange rangiert, bis das Knäuel entwirrt ist.


Motorradreise IrlandSehr viel ruhiger geht es da im äußersten Westen von Iveragh zu. Der „Skelligs Ring" umrundet diesen westlichen Zipfel, bietet herrliche Blicke auf die St. Finan's Bay und die berühmten Felsen, Little und Great Skellig. In Portmagee, wo die Ausflugsboote zu den Skelligs starten, kann man dann den Ring noch vergrößern, indem man über die Brücke auf das kleine Valentia-Island wechselt und dort den „Valentia Ring" noch mitnimmt. Der Aussicht wegen sei dabei unbedingt ein Abstecher zum Fogger-Cliff empfohlen, und auch das Cromwell Point Lighthouse lohnt einen kurzen Besuch. Anschließend kann man dann seinen Kaffee in Knights Town im dortigen Knights-Town Café genießen, bevor man mit der Fähre übersetzt nach Iveragh und bei Cahersiveen wieder den Ring of Kerry erreicht.


Bevor man sich dort wieder über die Reisebusse aufregt, biegt man am besten kurz vor oder spätestens in Waterville Richtung Osten ab und erkundet das Innere von Iveragh. Kaum dass man den Blinker wieder abgestellt hat, nimmt die Verkehrsdichte dramatisch ab. Und nach wenigen Kilometern wähnt man sich nicht mehr in Irland, sondern im Schottischen Hochland. Tatsächlich nennt sich die Gegend die „Highlands von Kerry", und das Glencar, das man nach Überqueren des Ballaghasheen-Passes erreicht, ist mit dem berühmten schottischen Glencoe verschwistert. Vorbei an Hochmoor und den dort zum Trocknen aufgeschichteten Torfklumpen gelangt man zur Bealalaw-Bridge und hat danach die Qual der Wahl: Nach links Richtung Lough Caragh, oder nach rechts zum Ballaghbeama Gap. Letzteres ist unbedingt zu empfehlen, wobei man allerdings statt mit Kühen vermehrt mit Schafen zu rechnen hat. Diese machen es sich schon mal gerne direkt an oder auch mitten auf der Straße gemütlich, so dass sich hier wie auf anderen Nebenstrecken eine verhaltene Fahrweise empfiehlt, zumal die Wolllieferanten sich manchmal nicht einigen können, in welche Richtung sie denn nun dem nahenden Krad ausweichen wollen.


Motorradreise IrlandKurz bevor man bei Molls Gap wieder den Ring of Kerry erreicht, sollte man links abbiegen und die Straße durch das Gap of Dunloe nehmen. Der Verkehr auf der engen Single-Track Road besteht zumeist aus Wanderern und den Kutschen, in denen die Touristen durch die grandiose Schluchtenlandschaft kutschiert werden. Eine Gruppe älterer Damen, mit Wanderschuhen und Stöcken ausgerüstet und in Regenponchos gehüllt, fragt mich nach der Entfernung zum Molls Gap, da ich aus dieser Richtung komme. Wir kommen ins Gespräch, wobei es natürlich auch um das Wetter geht. „Multipliziert man die Anzahl der Verwandten mit deren Lebensalter, dieses Ergebnis dann mit der Zahl 365, dann hat man ungefähr die Anzahl der Variationsmöglichkeiten des Themas Wetter", schreibt Heinrich Böll. Wir einigen uns nach einigen Variationen über den heute durch Nieselregen und Kälte geprägten Tag darauf, dass wir das Wetter nun einmal nicht ändern können und daher nehmen müssen, wie es ist, however.


Motorradreise IrlandEiner der berühmten Sprüche zum irischen Wetter besagt, dass man, wenn es einem nicht gefällt, einfach fünf Minuten warten soll. So schnell kann es sich tatsächlich ändern, auf jeden Fall aber von einem Tag zum anderen. Am nächsten Tag nämlich, als ich in Kenmare auf die Halbinsel Beara abbiege, scheint die Sonne von einem blauen, nur von ein paar Schönwetterwolken verzierten Himmel. Der Blick vom Healy Pass in den Caha Mountains ist deshalb heute ebenso grandios wie die vielen Ausblicke von der Küstenstraße, dem „Ring of Beara" – und das alles ganz ohne Reisebusse. Ein bekanntes Kuriosum auf Beara ist die Seilbahn hinüber nach Dursey Island ganz im Westen, die in einer offenen Kabine je nach Bedarf Wanderer oder Schafe über das Wasser bringt, jedenfalls aber keine Gummikühe. Ich drehe daher um und gelange entlang der Südküste Bearas nach Glengariff. Von dort starte ich zu einem unbenannten Ring: Zunächst die N71 durch den Turner's Rock Tunnel nach Kenmare, dann zunächst nach Osten, später Südosten und Südwesten über den Pass of Keima­neigh durch die Shehy Mountains wieder zur N71 zurück. Bei Bantry, lockt dann noch ein weiterer ringförmiger Abstecher zum Mizen Head, der Südwest-Spitze Irlands. Für mich als „Herrn der Ringe" ist dies der letzte Ring für dieses mal. Und auch am Ende behält Heinrich Böll wieder recht: „Der Abschied fiel schwer".

Reise-Infos:

Anreise:
Zur Anreise gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Direktfähren fahren von Frankreich (Le Havre und Cherbourg), ansonsten gibt es zahlreiche Möglichkeiten, über die „Landbrücke" England anzureisen, z.B. die Route Rotterdam - Hull/Holyhead - Dublin.
Unterkunft und Verpflegung:
Bed & Breakfast findet man in jedem Ort, Campingplätze liegen meist etwas außerhalb. Das irische Essen ist besser als sein Ruf, häufig isst man im Pub („Bar-Food") genausogut wie im Restaurant, aber gemütlicher und deutlich billiger. Immer lecker: frisch gezapftes Guinness!
Motorrad:
Irlands Straßen sind teilweise in miserablem Zustand, daher ist man mit einer Reiseenduro oder einem komfortabel gefederten Tourer gut beraten. Sportler und Chopper sind aus eben diesem Grund weniger geeignet.
Literatur und Karten:
Reiseführer gibt es reichlich, je nach Geschmack. Unbedingt empfehlenswert: Heinrich Böll: Irisches Tagebuch. Als Karte empfehle ich die Michelin Irland, 1:400000.
Adressen: http://www.discoverireland.com/de
Website des Autors: www.kradventure.de

---
 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren