Cevennen (Frankreich) für Genießer

aus Kradblatt 12/15
Text: Jörg „Jogi“ van Senden
Fotos: Kai Sypniewski, Jörg van Senden, Carsten Scheibe
Fotos La Caverne du Pont d’Arc: SYCPA, Sébastien Gayet

Für Genießer: die französischen Cevennen

Blick ins Tal in den Cevennen

Nachdem wir im Sommer einige Tage mit unseren Enduros offroad die Landschaften rund um Joyeuse unsicher gemacht hatten, wechselten wir zunächst unser Quartier nach Bourg-Saint-Andéol auf das Weingut ­Notre-Dame de Cousignac, um von dort aus eine ­onroad Rundreise durch den Süd-Osten der Cevennen, im der Region der Departements Ardèche und Lozère zu beginnen.

Was liegt eigentlich näher, als direkt eines der Weingüter zu besuchen, wenn man sich schon in dieser, wie zum Weinanbau geschaffenen, Gegend befindet? Auf dem Weingut Notre-Dame wird seit 43 Jahren Wein auf 60 Hektar Boden nach biologischen Vorgaben und ohne die Verwendung von Schwefel angebaut. Raphael Pommier und seine Familie produzieren hervorragende Rot-, Weiß- und Rosé-Weine, die wir natürlich alle probieren mussten. Er ist außerdem ein leidenschaftlicher Koch und ließ es sich deshalb nicht nehmen, uns einige Spezialitäten der französischen Küche zu servieren. Sein Weingut bietet kleinen Gruppen die Möglichkeit zur Übernachtung, was uns nach der Verkostung durchaus gut gelegen kam.

Auf dem Gebiet des Weingutes Notre­-Dame befindet sich außerdem eine kleine Kapelle, die schon vor der französischen Revolution (1789–1799) erbaut wurde. Ihr Zustand ist jedoch erbärmlich und so hofft Raphael mit Hilfe eines Kulturvereines das alte Bauwerk sanieren und wieder herrichten zu können. Da wir, wie schon erwähnt, eine Rundreise geplant hatten, durften wir bis zu unserer Rückkehr PKW und Trailer auf dem Weingut stehen lassen.

Das Motorrad:
Cevennen HochplateauIch bin die Strecke mit der AJP PR 240 gefahren, die uns Crossover Cycles aus Olpe zur Verfügung gestellt hatte und die wir vorher bereits offroad im Gelände rund um Joyeuse testen durften. Die nur 105 kg wiegende AJP meisterte alle unsere Geländeprüfungen mit Bravour (siehe Kradblatt 6/15). Wenn etwas nicht auf Anhieb klappte, lag es definitiv ausschließlich am ungeübten Fahrer.

Die AJP war mit ihrer Stollenbereifung und der niedrigeren Übersetzung voll auf Offroad-Betrieb ausgelegt, deshalb überraschte es nicht, dass dafür auf der Straße Abstriche in Kauf zu nehmen waren. Geschwindigkeiten zwischen 40 und 80 km/h waren trotzdem stressfrei zu fahren. Zur Sicherheit habe ich auf große Schräglage in den Kurven verzichtet. Weil auch das Bremsvermögen von grobstolligen Reifen auf Asphalt alles andere als optimal ist, bin ich immer schön defensiv und vorausschauend gefahren. Da wir primär die schöne Landschaft genießen wollten, ging das völlig in Ordnung. Wenn man sich abspricht, an welchen Orten sich die Gruppe wiedertrifft, stört es auch nicht, wenn einige etwas mehr am Kabel ziehen möchten und voraussprinten.

Die Region:

Barkenfahrt auf der TarnDas Gebiet der Cevennen erstreckt sich über 6000 Quadratkilometer und wird von vier Departements verwaltet. (Aveyron, Gard, Hérault und Lozère)
Seit Juni 2011 werden die Cevennen als UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit gelistet und als mediterrane, agropastorale Kulturlandschaft beschrieben. Diese internationale Anerkennung ist ein Zeichen der Wertschätzung für die kulturelle Identität und das Savoir-faire, das diese außergewöhnliche und evolutive Landschaft geschaffen hat.

Im Departement Lozère, vom Gipfel des Mont Aigoual bis zum Mont Lozère bieten die Cevennen einen starken Kontrast zwischen ihren rauen Bergen und dem milden Mittelmeerklima.
Dieses urwüchsige Gebiet mit bewegter Geschichte war zu Beginn des 18. Jahrhunderts Schauplatz des Aufstandes der Kamisarden, der Cevennen-Bewohner, die für ihre Religionsfreiheit kämpften, sowie das historische Gebiet der protestantischen Hugenotten. Die Kamisarden widersetzten sich erfolgreich gegen die von Louis XVI. angestrebte religiöse Vereinheitlichung zum katholischen Glauben. Erst mit der Erklärung der Menschenrechte 1789 und der französischen Revolution wurden die Gewissensfreiheit und das Recht zur freien Religionsausübung verkündet.
Wie der Begriff „agropastoral“ bereits ausdrückt, ist die Gegend von Landwirtschaft und der Haltung von Ziegen und Schafen geprägt, aus deren Milch Pélardon, ein Ziegenweichkäse von internationalem Renommee hergestellt wird. Die bäuerlichen Erzeuger gewährleisten jährlich die Herstellung von vier Millionen Pélardons, ausschließlich in den Cevennen.

Zu den Käse-Spezialitäten gehört auch Aligot, ein Püree aus „Tomme“-Käse und Kartoffeln. Zum Nachkochen haben wir euch das kalorienreiche Rezept aufgeschrieben. Es ist gar nicht so schwer, aber saulecker. Dazu noch ein Glas trockener Rotwein und der Tag ist gerettet.

WeinprobeDie Lozère ist außerdem ein Honigland. Schon im Mittelalter war es auf den Bauernhöfen üblich, neben dem anderen Getier auch ein paar Bienenvölker zu halten. So konnte der Zuckerbedarf der Familien damals gut gedeckt werden. Wer heute aufmerksam durch die Berge knattert, kann ab und zu die Bienenkästen entdecken, die der heutigen professionellen Imkerei dienen. Der aromatische Honig wird an Straßenrändern und auf dem Markt angeboten.

Edelkastanien und Maronen haben in dem weitläufigen Gebiet der Cevennen Symbolcharakter, denn sie haben die Einwohner jahrhundertelang ernährt und oft vor dem Hungertod bewahrt. Die Anbauflächen der Edelkastanien entwickelten sich dem demografischen Wandel entsprechend, bis sie im 19. Jahrhundert zum wirtschaftlichen Pfeiler der regionalen Landwirtschaft wurden und dann in Vergessenheit gerieten. Einige Zeit lang wurden sie vernachlässigt und durch den Maulbeerbaum zur Seidenraupenzucht ersetzt. Seit rund zwanzig Jahren werden die Edelkastanienhaine jedoch wieder gepflegt und genutzt. Heute wird die Edelkastanie auf vielerlei Arten zu kulinarischen Köstlichkeiten verarbeitet, nicht nur für leckeren Kastanienlikör, der zum Empfang gerne als Cocktail mit Champagner gemixt gereicht wird.

Die Franzosen legen sehr viel Wert auf ihre Küche und die Qualität ihrer regionalen Lebensmittelprodukte. Dazu gehört auch das „Génisse Fleur d’Aubrac“, Fleisch von einer Färse, d. h. einer Kuh, die noch nicht gekalbt hat. Seit 2010 steht der Begriff des aromatischen „Fleur d’Aubrac“ im EU-Register der geschützten geografischen Angaben. Die Branche zählt heute in etwa 50 Verkaufsstellen, die dieses hochwertige Fleisch verkaufen, dessen Gütezeichen ein vierblättriges Kleeblatt ist.

Zurück von der Küche auf die Straße:
Valvigneres das Tal der WeinbauernGenau genommen kann man nichts falsch machen, wenn man mit dem Motorrad durch diese grandiose Landschaft fährt. Wir möchten deshalb auf den Vorschlag einer konkreten Reiseroute verzichten, sondern stattdessen einige Orte unserer Reise hervorheben, die uns besonders gut gefallen haben. Die Strecken zwischen diesen Punkten führen alle durch wunderschöne Landschaften und beinhalten mehr Kurven, als ihr wirklich fahren möchtet. Permanentes Kurvenkratzen kann nämlich ziemlich anstrengend sein, wenn man es den ganzen Tag macht.
Zu den schönsten Bauwerken in der Lozère gehört die Kathedrale „Notre-Dame-­et-Saint-Privat“ in Mende, die das einzige gotische Gebäude des Departements ist. Ihr Bau wurde im 14. Jahrhundert unter Papst Urban V. begonnen. Die beiden Türme stammen aus dem 15. Jahrhundert. Besonders bemerkenswert ist der Klöppel der „Non pareille“ („ohne Gleichen“), der größten Glocke der Christenheit, die im 17. Jahrhundert angebracht wurde. Die 1653 erbaute Renaissanceorgel beinhaltet 2490 Pfeifen. Noch heute spielen sechs Organisten das ganze Jahr auf dieser prächtigen Orgel. Die Kathedrale steht seit 1906 unter Denkmalschutz, was die Tauben jedoch herzlich wenig interessiert. Deshalb wurden zum Schutz vor deren Hinterlassenschaften zahlreiche Fenster und Nischen mit Maschendraht nicht ganz so schön abgedeckt.

Serpentinen oberhalb von La MarleneAbsolutes Highlight unserer Reise war das kleine Gebirgsdorf La Marlène, direkt in der Schlucht der Tarn gelegen. Oberhalb des Dorfes erstreckt sich die vermutlich schönste Serpentinenstrecke des Departements. Mit etwas Glück kann man dort Geier und Adler kreisen sehen. Um die bizarren Felsformationen und das klare Wasser der Tarn am intensivsten zu erleben, empfiehlt sich eine Tour mit einer motorisierten Barke oder sportlicher mit dem Kanu flussabwärts. Man wird anschließend von einem Kleinbus wieder zurück zum Ausgangspunkt gebracht.

Nachbau der Hoehle La Caverne du Pont dArcSollte man wider Erwarten das Pech haben ungemütlich feuchtes Wetter zu bekommen, empfiehlt sich zur Überbrückung des Regentages ein Besuch in „La Caverne“ du Pont d’Arc. Das Ungewöhnliche daran ist, dass es sich dabei um ein Replikat der Original-Höhle handelt, die 1994 in der Ardèche, Vallon-Pont-d’Arc von Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel und Christian Hilaine entdeckt wurde. In der Höhle befanden sich Massen von Tierknochen, insbesondere Bärenknochen, und über 1.000 Höhlenmalereien, davon 425 Tierzeichnungen. Die Malereien stellen Nashörner, Löwen und Pferde in verschiedenen Szenen dar. Sie werden auf ein Alter von 36.000 Jahren geschätzt. Es ist erstaunlich, welche anatomischen Kenntnisse die Künstler dieser Malereien besaßen und wie dreidimensional und lebendig sie auch heute noch auf uns wirken.

In der La Caverne du Pont dArcUm die Original-Höhle zu schützen und sie in ihrem Zustand belassen zu können, wurde der Nachbau erschaffen. Das ausgeatmete CO² der Besucher würde sonst die historischen Malereien schädigen und die Gasatmosphäre zerstören, die diese Höhle und das darin Befindliche über Jahrtausende so perfekt konserviert hat. Stolze 55 Millionen Euro wurden in Beton, Stahl und Kunstharz investiert, um die Replikate der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Besucher bekommt am Eingang einen Kopfhörer, mit dem er beim Rundgang durch die „Caverne du Pont d’Arc“ Informationen über genau die Malereien erhält, vor denen er sich gerade befindet. Die nachgebaute Höhle wurde im April 2015 mit einer großen Zeremonie eröffnet. Unter den Anwesenden befand sich auch Präsident François Hollande. Zur Zeit zieht die „Caverne du Pont d’Arc“ bis zu 2.500 Besucher täglich an.

Wenn man sich schon in einer Gegend befindet, in der Wein angebaut wird, sollte man es nicht versäumen mindestens eines der zahlreichen Weingüter zu besuchen, um sich etwas über die Herstellung und Besonderheiten des hiesigen Weines erzählen zu lassen. Wir haben dazu das Weingut von Mas d’Intras auf dem „Plateau du Gras“ besucht. Das Weinanbaugebiet der südlichen Ardèche erstreckt sich heute über 11.000 ha zwischen den Cevennen und dem Rhônetal, wovon 7.300 ha auf den Vin de Pays entfallen. Die Durchschnittsproduktion beträgt etwa 650.000 Hektoliter pro Jahr. An Rotwein mangelt es den Franzosen wahrlich nicht.
In Les Vans lohnt sich ein Spaziergang durch die Altstadt. Die schmalen Gassen haben ein spezielles Flair, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Sammlung Albert FromentAm Stadtrand von Les Vans produziert die Familie von Albert Froment Olivenöl und Seifenprodukte auf traditionelle Art. Das wäre nicht besonders spektakulär, wenn der alte Mann nicht 1960 auf die Idee gekommen wäre, allerhand historische Fahrzeuge zu sammeln. Leider ist er nicht dazu gekommen alle Oldtimer in einen würdigen Zustand zu versetzen. Sein Sohn führte uns durch die beeindruckende Sammlung, die inzwischen den meisten Platz in der Ölmühle einnimmt. Er träumt davon, eines Tages ein richtiges Museum für die Sammlung eröffnen zu können.
Besonders urige und verwinkelte Häuser sind in Saint Montan und Balazuc zu finden. Sie schmiegen sich dort eng an die Felswände. Einige der Naturstein-Häuser sind direkt in den Felsen hineingebaut worden. Das Dorf Sainte-Enemie erhielt sogar eine Auszeichnung als eines der schönsten Dörfer Frankreichs.
Sehenswert ist auch der mittelalterliche Ort „La Garde-Guérin“ oberhalb der Schlucht Chassezac. Der Turm und die romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert stehen unter Denkmalschutz. Es lohnt sich für den weiten Ausblick auf den Turm hinaufzusteigen. Auch der Bergfried der Burg bietet einen atemberaubenden Blick auf die Schlucht mit einer Tiefe von bis zu 400 Metern.

Natürlich gibt es im Süd-Osten der Cevennen noch viel mehr zu sehen. Selbst wenn man ohne eine aufwendige Planung einfach drauf los fährt, wird man hinter fast jeder Kurve etwas Interessantes zu sehen bekommen.
Wir haben in der Infobox einige Internet-Adressen aufgelistet, die bei der Vorbereitung einer Cevennen-Reise mit dem Motorrad hilfreich sind. Es gibt spezielle Hotelunterkünfte, die Motorradfahrer gerne willkommen heißen. Sie sind mit dem Label „Logis MOTO“ ausgezeichnet und bieten sichere Parkplätze oder Garagen, sowie Möglichkeiten das Motorrad zu waschen oder zu reparieren.
Ich bin mir sicher, dass dieser Besuch in den Cevennen nicht unser letzter gewesen sein wird.

aligotKochen mit dem Kradblatt:
Aligot für vier Personen:

1 kg Bintje-Kartoffeln, mehlig kochend
(Die Sorte wurde 2012 zur Kartoffel
des Jahres gewählt)
400 g frischer „Tomme“-Käse
200 g dicke Crème fraîche
1–2 Knoblauchzehen
Salz und Pfeffer

Kartoffeln und Knoblauch schälen. Kartoffeln in große Stücke schneiden und zusammen mit dem Knoblauch 20 Minuten in siedendem Wasser kochen. Während dieser Zeit wird der „Tomme“-Käse in dünne Scheiben geschnitten. Sobald die Kartoffeln gar sind, wird der Knoblauch herausgenommen und die Kartoffeln mit einer Presse oder einem Stampfer püriert. Danach Crème fraîche mit einem Holzlöffel einrühren und den Käse zügig unter kräftigem Rühren zugeben. Dabei muss das Aligot locker werden und am Holzlöffel dicke Fäden ziehen. Wenn man möchte, kann man das Aligot mit einer zerdrückten Knoblauchzehe und etwas Pfeffer und Salz würzen. Dazu ein Glas trockener Rotwein – passt perfekt.


Touristische Informationen:
www.lozere-tourisme.com
www.cavernnedupontdarc.fr
www.cevennes-tourisme.fr
www.gorgesdelardeche.fr
www.les-vans.com
www.grotte-ardeche.com


Hotels:
www.logis-de-lozere.com („Logis MOTO“)
www.ardeche-hotel.net
www.hotel-restaurant-family-48-12.com

Organisierte Touren:
www.endurofuntours.com

AJP:
www.crossover-cycles.de

Wein:
www.lesvinsdardeche.com
www.notredamedecousignac.fr

Käse:
www.fedou.com

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