Seit einiger Zeit fahre ich mit einem
Schriftzug auf meiner Lederkombi durch die Welt. „Albatros” steht in
großen Lettern auf meinem Rücken. Dabei handelt es sich nicht um den
Werbeschriftzug eines Sponsors, sondern ganz schlicht und ergreifend um
eine Warnung an andere Verkehrsteilnehmer.
Als ich im Mai 1996 meine TDM 850 in den Alpen zum ersten Mal unsanft
auf die Seite gelegt hatte (nur Lackschaden), beschloss ich, ein
Sicherheitstraining mitzumachen. Während einer solchen Session ließ ich
mich dazu überreden, auch mal ein Kurventraining zu besuchen. Seitdem
bin ich öfter auf diversen Rennstrecken anzutreffen. Ich wurde schnell
immer mutiger und war (und bin) süchtig nach mehr.
So kam der Tag an dem ich mich für ein Fahrertraining in Spanien
anmeldete. Am 2. Weihnachtstag ging es los. Wir stiegen in den Flieger
und unsere Mopeds fuhren mit einem Lkw vor. Als wir bei angenehmen
Temperaturen in Murcia ankamen, waren wir sehr guter Stimmung und
voller Vorfreude auf die Rennstrecke. Abends auf dem Zimmer beschlich
mich eine leise Vorahnung auf das, was kommen würde, und ich sagte zu
meinem Zimmergenossen: „Ich glaube, in diesem Urlaub mache ich einen
Adler.”
Am nächsten Tag war alle Vorahnung vergessen. Uns empfing eine ziemlich
neue und sehr kleine Rennstrecke bei strahlendem Sonnenschein. Genau
das Richtige für meine TDM und mich. Für alles war gesorgt. Es waren
ein Streckenposten und ein Notarztwagen vor Ort, ein beruhigendes
Gefühl (die blöde Vorahnung war doch noch da). Wir ließen unseren
Mopeds freien Lauf. Welch ein Spaß!
Am Nachmittag war es dann so weit, es kam, was kommen musste. Ich
machte gerade Pause und stellte plötzlich fest, dass gleich Feierabend
war - oh Schreck. Also, rasch Helm auf und noch mal ein paar schnelle
Runden drehen. Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass die Idee doch
nicht so toll war, Mein Biorhythmus machte nicht mehr so recht mit.
Aber zwei Runden sollten noch gehen.

In
der letzten Kurve vor Start/Ziel ließ ich mich ein bisschen zu weit an
den Streckenrand tragen und das Unheil nahm seinen Lauf. Beim
Beschleunigen im Kurvenausgang hatte ich einen Highsider (ja, mit der
TDM) und der wilde Ritt begann. Die Maschine sprang in wilden Sätzen
hin und her, keilte aus und versuchte mich abzuwerfen. Was genau
passierte weiß ich nicht, ich kam mir aber vor wie bei einem
Rodeo-Ritt. Ich hielt mich verbissen am Lenker fest, wild entschlossen,
mich nicht abwerfen zu lassen. Doch es half nichts. Ich schlug mit
meiner geliebten TDM hart auf dem Asphalt auf. Herzzerreißende
Geräusche drangen an mein Ohr: Plastik und Aluminium wurden auf
unsanfte Art mechanisch bearbeitet. Tapfer hielt ich immer noch den
Lenker fest. Als ich dann irgendwann doch aufgeben musste und endlich
los ließ, sah ich noch ein paar Funken fliegen; ein trauriger Blick
noch auf die Maschine - dann war Ruhe.
Vor Wut blieb ich erst mal
ein paar Minuten regungslos auf der Straße liegen. Schnell waren die
Kumpels und Kumpelinnen da, um mir und der TDM auf die Füße zu helfen.
Schlimm sah sie aus, die TDM. Ich bzw. meine Lederkombi sah auch nicht
viel besser aus. Der Helm war zerkratzt, die Kombi stark ramponiert.
Stiefel und Handschuhe konnte ich in die Tonne treten.
Alle sorgten sich um mich, fragten wie es mir ginge und schafften mein
Motorrad zurück an die Box. Der Einzige der sich nicht blicken ließ,
war der Arzt. Er saß seelenruhig in seinem Auto und beobachtete unser
Treiben. Dass mir nichts passiert war, konnte er auf die Entfernung
bestimmt nicht sehen. Naja, ich habe es überstanden und wurde
wenigstens am nächsten Tag ein bisschen verarztet.
Als ich abends mit ziemlichen Schmerzen, geschwollener rechter Hand,
einer Brandwunde und diversen blauen Flecken (ich sah aus wie die lila
Kuh) im Hotelbett lag, konnte sich mein Zimmergenosse kaum halten vor
Lachen. Als ich ihn ziemlich verwirrt ansah, sagte er nur: „Junge, das
war kein Adler, den du da hingelegt hast, das war ein ausgewachsener
Albatros!" (bis 1,3 Meter großer, schneller Sturmvogel; ausdauernder
Segler, bis 3 Meter Spannweite).
Trotzdem konnte man mich am nächsten Tag schon wieder auf der
Rennstrecke beobachten. Mir schmerzte zwar die Hand beim Bremsen, aber
ich musste unbedingt das Trauma mit dieser verflixten Kurve überwinden.
Nach einigen Wochen war meine Hand wieder okay, und ich fuhr zu einem
Training in Geesthacht. Die mir selbst gestellte Aufgabe lautete, bei
diesem Training Hanging-Off zu lernen. Es funktionierte super. Am
Nachmittag wurde ich immer mutiger und drehte mehr und mehr am
Gasgriff. Teilweise schüttelte sich die TDM ganz ordentlich, und die
Reifen zeigten bereits die weiße Flagge. Aber ich schlug alle Warnungen
in den Wind, frei nach dem Motto: Was Mick Doohan kann, kann ich schon
lange. Sprach's und drehte noch ein bisschen mehr am Gasgriff - gei...!
Zurück im Fahrerlager wurde ich ein paar Mal angesprochen, ob ich nicht
mal andere Reifen montieren wolle, die seien doch an der
Leistungsgrenze angelangt. Mein Kommentar war immer nur: „Ja, ja, das
geht schon noch (pah, redet ihr nur).”
Meine Unbekümmertheit rächte sich dann am Nachmittag. Beim
Beschleunigen aus einer engen Kurve verlor ich den Grip am Hinterrad
und bekam eine unsanfte Berührung mit dem Asphalt (Hochmut kommt vor
dem Fall). Welch peinliche Vorstellung, den ganzen Tag Mick Doohan und
dann zum Feierabend noch eine Haga-Nummer hingelegt. Vielleicht hätte
ich ausnahmsweise mal auf Andere hören sollen...
Außer einer abgebrochenen Fußraste war nichts weiter passiert und ich
konnte, leicht behindert, meinen Heimweg antreten. Während der Fahrt
gingen mir die Ereignisse von Spanien wieder durch den Kopf und dann
war er gefasst, der Beschluss: Auf meine Kombi kommt ein Schriftzug
„Albatros”.
Und was soll ich sagen? Es hilft! Seit dem habe ich keinen Abflug mehr
gehabt. Und die Reifenmarke habe ich auch gewechselt...