
Einerseits kann ich es kaum erwarten, endlich loszukomrnen, andererseits graust
mir schon jetzt vor dem folgenden Kampf um jeden Kilometer. In
hektischer Geschäftigkeit treffe ich die letzten Vorbereitungen für die
Abfahrt.
Eigentlich ist es ja gar nicht so weit bis nach Nordhorn.
Und doch weiß ich schon jetzt, daß sich die Strecke unterwegs als
scheinbar endlos entpuppen wird. Egal, die Freunde rechnen mit mir,
Leute, die um des Winters ungnädigem Fahrtwind Bescheid wissen. Diese
grausamen Minusgrade, die dafür sorgen, daß man sein Ziel mit
Eiswürfeln in der Hose erreicht. Na ja, da muß das Herz halt wieder als
Durchlauferhitzer fungieren. So, schnell noch ein kurzer Check der
Finanzen - ok, genügend Scheine auf Tasche. Dann wollen wir uns mal
einpacken.
Rein in den „Frostpanzer”. Über die Jeans ziehen wir uns die dicke,
weite Lederhose. Halt, vorher noch den Gürtel aus der Jeans, damit auch
nichts drückt.
Solange wir uns noch bücken können, schnell die dicken Wollsocken über
die Strümpfe gezogen. Nun schlüpfen wir in die extra polierten,
bequemen Stfefel. Deren Glanz wird sich schon nach der ersten
Salz/-Schneematschpfütze in dezentes elefantengrau verwandeln. Aber was
soll's, positiv muß man denken! Das fällt mir leicht, ich mag Elefanten
unheimlich gern. (Nein, nicht mit Ketchup auf Toast!) Na, das sitzt
soweit doch schon ganz gut.
Jetzt erstmal Helm, Sturmhaube, Woll- und Stulpenhandschuhe,
Nierengurt, zwei Schals und den Zündschlüssel bereitgelegt. Sobald
Hemd, Sweatshirt und Pullover über das T-Shirt gezogen sind, läuft das
Ultimatum. Je mehr ich in der warmen Wohnung ins Schwitzen komme, um so
mehr muß ich draußen gleich frieren.
So, nun den Nierengurt um, die Lederjacke an und die Sturmhaube auf.
Vor dem Zuziehen des Reißverschlusses, den Hals mit Schal 1 abdichten.
Es folgt der Akt überhaupt: Rein in den Taucheranzug! Verdammt, so eine
Regenkombi kann aber auch widerspenstig sein ! Dabei habe ich mit Blick
auf solche Aktionen doch schon das Modell „Gummizelt” gewählt.
Abschließend noch den zweiten Schal um und bis kurz vor Tom Dooley
zuziehen. Muß schon ein echt hinterlistiger Wind sein, der da noch eine
Ritze zum Durchschlüpfen findet. Trotzdem sitzt alles noch so locker,
daß sich isolierende Luftpolster bilden können. Zuletzt den Helm auf.
Das war's. Fertig ist der Gummibär! Ein Gummibär, der sich schon bald
in einen Eisbären verwandeln wird. Der einsame Kampf gegen den großen
Unsichtbaren kann beginnen. Frost ich komme!
Als ich mich dann auf das vollgetankt wartende Motorrad setze, den
Zündschlüssel herumdrehe, den Motor zum Leben erwecke und den ersten
Gang einlege, da möchte ich mit niemandem tauschen. Kupplung kommen
lassen, der Ruck in den Armen reißtmich in ein weiteres Abenteuer...
Endlich 'raus aus der Stadt. Fern grauer Städte, Mauern und so. Aha,
kaum lasse ich es etwas mehr geh'n, da beginnt Väterchen Frost auch
schon damit, mir millimeterweise die Finger anzuknabbern. Bis in den
Handschuhen schließlich nur noch beißende Kälte ist. Die kläglichen
Bewegungsübungen können das auch nur verzögern, aber nicht aufhalten.
Wenig später sickert die Kälte auch in die Stiefel Mann - ich muß
nachher mal durchzählen. Fühlt sich an, als seien keine Zehen mehr
vorhanden!
Nun fangen auch die Knie langsam an zu versteinern. Positiv denken
Mann, das warme Ziel immer vor Augen halten! Doch das scheint momentan
unerreichbar. Für warme Gedanken ist die Helminnentemperatur bereits zu
weit gesunken. Also erreichbare Ziele setzen. Der fällige Tankstopp,
jawoll! Bald muß das ersehnte Schild „Rheine 13 km” kommen.
Straßenhonig. Zähflüssig kriechen die Kilometer dahin. Mein innerer
Schweinehund will mich unbedingt überreden doch einfach jetzt schon
anzuhalten, einfach hier. Ich widerstehe heldenhaft. Weiter, nur weiter!
Rheine, endlich. Ob ich an der Tanke wohl eine freie Wand finden werde,
an der ich mich mitsamt dem Moped anlehnen kann? Absteigen und wie
üblich aufbocken erscheint mir jedenfalls unmöglich.
Als ich dann jedoch eine weitere kleine Ewigkeit später vor den
Zapfsäulen zum Stehen komme, lassen sich die glashart gefrorenen
Knochen erstaunlicherweise doch noch bewegen. Angespornt durch die
Gedanken an die beheizte Toilette, in der ich die Düse des
Lufttrockners nach dem Händewaschen ein paar Minuten in die Regenkomi
blasen lassen werde, schaffe ich es, den Bock tatsächlich auf den
Ständer zu zerren. Mit gruselig verkrümmten Klauen vollführe ich rein
mechanisch den Tankvorgang. Robotergleich entnehme ich der Zapfsäule
nun den Kassenzettel. Auf zum Bezah- len, die wohltemperierten
Sanitäranlagen warten schon, Eisbärensauna.

Ein Griffzur Gesäßtasche - NEIN! Ich Idiot. Die Geldbörse befindet sich wie
immer „griffbereit” an ihrem Fleck - allerdings unter der Regenkombi,
dem Nierengurt und der Lederhose. Zornig lasse ich meine tiefgefrorene
Faust auf die völlig unschuldige Sitzbank meines treuen Mopeds
niedersausen.
Inzwischen ist der Tankwart auf mich aufmerksam
geworden. Schaut mich von der beheitzten Seite der Glasscheibe her
skeptisch an und wartet darauf, daß ich endlich bezahlen komme.
Unmöglich mich hier soweit auszuziehen, mit den gefrorenen Händen würde
ich die Klamotten nie wieder anständig anbekommen.
Interessierte Beifahrerinnenblicke verfolgen nun all' mein Tun. Die
Mädels harren wacker aus, und warten auf die Rückkehr ihrer Fahrer. Bei
Automodellen dieser Art surrt bei ruhendem Motor keine Standheizung
weiter. Schließlich wird es deshalb nach drei Minuten schon recht
frisch in der Karosse. Wie gut, daß es da draußen einen Motorradfahrer
gibt, der noch mehr leiden muB. Ein armer Hund, der bestimmt keine
Kohle für ein Auto hat. Vielleicht sollte man ihm was zu essen
kaufen...?
Ich muß versuchen, irgendwie auch ohne Striptease an die Kohle zu
kommen. Also, ersten Schal lockern, Regenkombireißverschluß aufziehen.
Mist! Der Zip ist für abgestorbene Finger viel zu klein, der Entwurf
stammt bestimmt von einem Autofahrer. Nierengurt auf und dann versuchen
die Hand bis zur Geldbörse durchzuschieben. Nein, so geht das nicht.
Erst noch die Lederjacke öffnen, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben.
Nun noch den Hosengürtel und dann die Lederhose aufmachen. Verdammt!
Schamviolett stelle ich plötzlich fest, daß es wohl kein Augenpaar auf
der gutbesuchten Tankstelle gibt, welches nicht gespannt jede meiner
Bewegungen verfolgt.
Egal - die aufsteigende Wut macht die steifen Arme etwas beweglicher.
Auch mein Kreislauf ist wieder in Schwung gekommen. Auf ein Neues. Den
rechten Arm so tief wie möglich im Regenkombi versenken. Die kalten
Zähne zusammenbeißen und die Hand wacker auf das Ziel zubewegen. Noch
eine Linksdrehung, etwas springen... Ah -, mit den Fingerspitzen kann
ich die Oberkante bereits fühlen! Schnell noch ein Kontrollblick: Des
Tankwarts Miene scheint noch eine Spur grimmiger geworden zu sein. Er
hält meine Show bestimmt für einen miesen Trick, um mich in einem
unbeobachteten Augenblick heimlich davonzustehlen.
Wenn der wüßte, wie sehr ich mich nach seinen beheizten Sanitäranlagen
sehne. Aber erst muß bezahlt werden Also wacker weiterkämpfen. Wie
Quasimodo auf einem BreakdanceWettbewerb springe ich nun ein paarmal,
um meine Hand ruckartig in die Gesäßtasche der Jeans zu zwängen. Pock!
Mist, das war der Kombireißverschluß. Zornig schiebe ich meine Finger
dennoch weiter... Geschafft! Merkwürdig, daß keiner klatscht, denke
ich. Scheiß Publikum. Des Tankwarts Züge hellen sich merklich auf, als
ich endlich den Kassenraum betrete.
Auf meine Frage nach dem Toilettenschlüssel entgegnet er: „Dachte
schon, Du wolltest das gleich an der Zapfsäule erledigen.”
Stechender Schmerz wie tausend Nadelstiche kündigen das Auftauen der
Finger an. Die Prozedur des Wiederanziehens ist äußerst nervend. Der
Schlitz im Regenkombi ist um zehn Zentimeter länger geworden und lässt
sich nicht mehr verschließen.
Mit Schal Nummer Zwo und einem Packgummi wird das Leck notdürftig
geflickt. Viel frischen Wind werde ich da noch tanken. Egal, bloß weg
hier. Helm auf. Verdammt, das Visier beschlägt sofort . Also offen
lassen. Die zweiten Handschuhe über und rauf auf den Bock. Zündung an
und Starten! Der Motor singt mein Lieblingslied, gibt es etwas
Schöneres als erstens... und zweitens Motorradfahren? Keine halbe
Stunde mehr bis zumZiel und ab hier werde ich jeden Kilometer genießen.