
Aus wie immer nicht unterrichteten Kreisen erfuhr das KRADLBLATT exklusiv
von einem zur Zeit laufenden Umerziehungsprogramm, das in Japan geplant
und speziell für den europäischen Motorradmarkt konzipiert wurde: Nach
langen, aufwendigen und damit teuren Analysen stellten die freundlichen
Menschen in Gelb fest, daß der europäische Motorradfahrer seine neuen
Motorräder fast durchweg im Frühling bei den Händlern abholen möchte.
Früher, wo bekanntlich sowieso alles besser war und das Brötchen noch
drei Pfennig kostete, war das auch mit den nagelneuen Krädern kein
großes Problem. Der gemeine Japaner war mit der Firma verheiratet und
schaffte, was die Werkbank hielt.
Doch der gemeine Japaner wurde
von finsteren Mächten mit der Zeit mehr und mehr durcheinander gebracht
und begann plötzlich, über sein Sein und Tun nachzudenken.
Da stellte er fest, daß er fast der einzige auf der großen weiten Welt
war, der stolz auf seine 70 Stunden Woche ist, aber dafür nicht weiß,
daß Heidelberg nicht unsere Hauptstadt ist und nicht alle Deutschen in
Schlössern wohnen.
Das wurde anders und der Japaner begann, weniger zu arbeiten. - Da er
aber ein schlauer Hund ist, der Japaner, merkte das zunächst niemand,
denn er stellte seine Werkbänke voll Roboter, die sich für ihn den
Buckel krumm arbeiteten. Alle waren zufrieden und glücklich.
Doch plötzlich wollten in Europa mehr Leute ein neues Motorrad und das, siehe oben, ausgerechnet imFrühling. - Was tun?
So setzten sich alle wichtigen japanischen Motorradhersteller an einen
großen Sumo-Ringerkampfplatz, schmissen unentwegt Salz in die Luft und
berieten dazwischen die Lage. Nach langen, z.T. sehr hitzig geführten
Debatten, die unser Mann nur schwer verfolgen konnte, da er Salz in die
Ohren bekarn, einigte sich der Japaner auf einen langen, für alle
Beteiligten schmerzlichen Umerziehungsprozess, der den Europäern erst
seit kurzem bewußt wird und über dessen Ursachen hier noch gerätselt
wird.
Wir aber wissen nun worum es geht, denn unser Mann am Sumo-Ring hat es
geschafft, sich aus dem Salz- und Fleischberg zu befreien. Er
berichtete uns, daß diej apanischen Motorradhersteller sich einig
geworden sind, den europäischen Kunden besser zu erziehen. Denn so wie
bisher konnte es ja nicht weitergehen. Durch ein auf höchster Ebene
ausgewürfeltes Abkommen wird nun in den '90er Jahren abwechselnd jeder
Hersteller künstlich sein Angebot verknappen und so den Fan zwingen,
erst im Juli oder August seine Traummaschine neu anzumelden. Dafür
bekommt er dann aber auch z.T. einen Wartebonus, indem die Motorräder
frisch lackiert werden und damit schon der nächste Modelljahrgang sind.
Wie gesagt, der Japaner ist ein schlauer Hund.
Erste Erfolge sind bei dieser gewaltigen Umerziehungsaktion schon zu
verzeichnen. So sitzen ganz ängstliche schon im November bei ihrem
Händler, um ja im neuen Jahr die ersten zu sein, die die Neue haben.
Früher, wo alles besser war, gab's sowas nicht!
Nach unserer nicht unterrichteten Quelle ist das aber erst der Anfang.
Die zweite Stufe der Umerziehung wird demnächst gestartet, nachdem das
dafür notwendige Experiment in Mailand erfolgreich verlaufen ist: Der
gesamte 1994er Jahrgang einer japanischen Marke (der genaue Name war
bis Redaktionsschluß noch nicht ausgewürfelt) wird nur unter
ausgewählten Kunden versteigert, wobei der Erlös japanischen
Bildungseinrichtungen sowie dem Bau eines eigenen Heidelberg in der
Nähe von Tokio zugute kommen soll. 1995 soll dann jeder europäische
Motorradfahrer, der sein neues Krad im März anmelden will, für drei
Wochen nach Japan kommen und an dessen Produktion aktiv teilnehmen.
Dafür soll er das Modell nach diesem Plan aber auch selbst mitnehmen
können.
Der für den schlauen Japaner immer lästiger werdende Händler in Europa,
der es sogar wagt, sich zu organisieren und gegen die Instruktionen aus
Fernost zu rebellieren, soll langfristig ganz abgeschafft werden, da
die nach ca. 50 000 km durchzuführende Erstinspektion auch im Lande
Nippons durchzuführen ist.
Wie gesagt, der Japaner ist ein schlauer Hund - und wir müssen noch viel lernen