
Die eine Maschine ist einfach nur ein Motorrad, die andere aber ein Kult-Bike. Warum?
Sieben Uhr morgens an einem Sonntag. Postkartenblauer Himmel. Ein
sonniger, vielversprechender Junitag beginnt. Dr. Hans-Peter M. lenkt
seine Harley-Davidson Electra Glide von der Autobahn herunter, sanft -
damit die Trittbretter keine Kratzer bekommen - winkelt er den
Chromberg ab. Dann gibt er sich entspannt dem Kurvengeschlängel der
schmalen Landstraße hin. 80 oder 90, mehr ist nicht drin.
Vor der Windschutzscheibe des amerikanischen Dinosauriers taucht ein
schmales Moped auf. Zweitaktgestank erfüllt die frühsommerliche Idylle.
Dr. M. rümpft die Nase unter dem offenen Chevignonhelm. Frechheit!
Träge setzt die Harley zum Überholen an. Ein leichter Dreh der rechten
Hand, der Fünfte ist sowieso schon drin. Doch was ist das? Der kleine
Stinker outet sich plötzlich als wahrer Athlet. Deutlich sieht der
Doktor, wie der Fahrer seinen gummistiefelbewehrten Fuß zum Gangwechsel
nach unten drückt, das Moped nimmt mächtig Fahrt auf, zum Beweis seiner
Kraft eine blauweiße Abgasfahne hinter sich herziehend wie ein kleiner
Jet.
Dr. M. kennt die nächste Kurve. Er geht vom Gas. Der Stinker nicht. Auf
der nächsten Geraden sind die beiden Motorräder bereits etwa hundert
Meter voneinander entfernt. Jetzt bekommt der Hubraumriese die Sporen
seines Reiters zu spüren. Fast 140 km/h zeigt die Küchenuhr auf dem
Tank an. Der Abstand zum Stinker ist etwas geringer geworden, aber die
nächste Kurve ist schon da. Etwas wackelig auf seinen Fahrradreifen,
aber fröhlich, ungebremst und in abenteuerlicher Schräglage
verschwindet das Moped aus dem Blickfeld. Der Harley-Treiber gibt das
Spiel auf. Was soll's!
Aber der zweite Spaßverderber taucht bereits im Rückspiegel auf. Ein
kleiner, einzelner Rundscheinwerfer, darunter ein mächtiges
schwarzlackiertes Trumm von Motor. Ein Fauchen und Brüllen malträtiert
das empfindliche Ohr des Doktors. Der Fahrer setzt sich dreist neben
ihn, das Gesicht unter dem schwarzen Integralhelm grinst ihn frech an.
Gelassen geht Hans-Peter M. vom Gas, Zweikämpfe im öffentlichen
Straßenverkehr sind nicht sein Stil. Das heisere Fauchen des
Brutalo-Bikes ebbt ab, geht in ein sanftes Röcheln über, das Biest
bleibt einfach neben ihm. Jetzt reicht es dem Herrenfahrer. Er schaltet
einen Gang herunter und gibt Vollgas. Unwillig beginnt die Harley
loszustampfen. Der Fahrer des Gangstermotorrads deutet mit dem
Mittelfinger der nackten Hand eine obszöne Geste Richtung Amerika an,
dann macht es zweimal vernehmlich „klack”, das Vorderrad des Mega-Bikes
verliert den Bodenkontakt, Rauch steigt vom durchdrehenden Hinterreifen
auf, ein infernalisches Brüllen verschlingt das gelassene Tuckern des
ehrwürdigen Milwaukee-Twins, dann ist der Spuk vorbei. Dr. M. ist
wieder allein.

Zehn Minuten später lenkt er sein Schmuckstück behutsam auf den Parkplatz
des Motorradtreffs. Zu so früher Stunde ist noch niemand hier. Herr M.
klappt den armlangen Seitenständer aus und schwingt sich aus dem
Sattel. Wirklich noch niemand hier? Doch, direkt neben der Kaffeebude
stehen zwei Motorräder, das eine nicht zu übersehen, das andere kaum
als solches zu bezeichnen. Neugierig geht der Arzt näher. Die Electra
Glide ist sein erstes Motorrad, mit anderen Maschinen kennt er sich
nicht so aus. Aber er ahnt sofort, wen er vor sich hat. Die beiden
Spielverderber! Die erste Maschine - das Moped - hat offensichtlich
schon seit zehn Jahren keinen Putzlappen mehr gesehen, der Lack war
vermutlich einmal blau. Der Auspuff ist fast so lang wie das gesamte
Motorrad und genauso rostig. Der Motor sieht aus, als sei er die
Laubsägearbeit eines sechsjährigen Kindes. Auf dem seltsam geformten
Tank stehen zwei Buchstaben: MZ. Das sagt dem Doktor überhaupt nichts.
Ratlos wendet er sich der anderen Maschine zu. Das ganze Ding scheint
fast ausschließlich aus Motor zu bestehen, ein schwarzer Riesenblock
von bösem und brutalem Aussehen. „Yamaha” liest der Doktor, den Namen
hat er schon einmal gehört. Aber was bedeutet „Vmax”? Um dies und
anderes zu klären, nimmt er all seinen akademischen Mut zusammen und
schlendert zu den beiden kaffeetrinkenden Gestalten an der Bude. Es
wird ein langer, anregender Vormittag, an dem nicht mehr viel Motorrad
gefahren wird. Obwohl sich die drei prächtig verstehen, ist ihnen klar,
daß MZ-, Vmax- und Harley-Fahrer außer ihrer Liebe zu schwarzem Kaffee
und filterlosen Zigaretten absolut nichts Gemeinsames haben. Zumindest
glauben sie das...
Auch wenn sich die drei Herren an diesem
strahlenden Junimorgen der Tatsache nicht bewußt sind - sie haben
durchaus eine Gemeinsamkeit: Jeder von ihnen fährt ein Kultmotorrad!
Sowohl der Zahnarzt, der sich die 35 großen Scheine für sein US-Bike im
wahrsten Sinne des Wortes vom Mund abgespart hat, als auch der
zweiradbegeisterte Student, der nicht mehr als 800 Märker für seine
gebrauchte „Emme” lockermachen konnte oder wollte, genauso wie der
leistungshungrige Schlossergeselle, der die 17 Tausender für sein 145
PS-Monster in 36 Monatsraten abstottert. Doch wer oder was ist es, das
eine Harley, eine MZ und eine Vmax zum Kultobjekt werden läßt?
Sind es die Maschinen selbst, deren Fahrerinnen und Fahrer, das
„Publikum”, die Szene oder die Fachpresse? Am Einstandspreis und an der
Motorleistung kann es nicht liegen - siehe oben. Vielleicht an der
Optik? Da kommen wir der Sache schon näher. Harley und Vmax warten mit
einem ungewöhnlichen Äußeren auf, die MZ nicht minder. Doch das
Aussehen der BMW K-Modelle ist genauso gewöhnungsbedürftig. Haben sie
deswegen schon Kultstatus? Ganz sicher nicht. Sind die gewissen Bikes
vielleicht besonders perfekte Motorräder? Nein, denn dann wären die
neuen BMW-Boxer, Honda NTVs und Pan Europeans die Kultobjekte
schlechthin. Sind sie aber nicht. Oder ist es etwa genau umgekehrt?
Sind die kultigen Kräder vielleicht auffällig unvollkommene Vertreter
ihrer Spezies? Ah, ja! Es sieht ganz so aus, als ob wir auf der
richtigen Spur sind. Die Fahrwerksschwächen der Yamaha, die mickerigen
Fahrleistungen der Harley sowie Optik, „Sound” und Trinksitten der MZ
haben nämlich auch Vorteile. Man kann darüber reden! Stundenlang. Was
gibt es schon über eine CB 500 oder Suzuki Bandit zu erzählen? Welch
interessanten Elektrikprobleme hingegen gibt es bei einer betagten
Guzzi Le Mans zu lösen! Wie entspannend ist es, abends am warmen
Kaminfeuer Tips über die winterlichen Startschwierigkeiten der alten
Zweiventil-Boxer auszutauschen! Wer stellt mir die Ventile meiner
Desmo-Ducati in weniger als vier Stunden ein? Wer kann mir für meine
Kawasaki Mach 3 einen Tankanhänger bauen? Ganz zu schweigen von den
Fackelträgern des Kultur-Clubs, den russischen Wanderbaustellen von
Ural und Dnepr. Ganze Bücher ließen sich mit ihren Widerborstigkeiten
füllen.
Warum aber werden perfekte Maschinen lediglich bewundert, unvollkommene
hingegen heiß und innig geliebt? Sollte vielleicht doch ein Körnchen
Wahrheit in der Behauptung stecken, daß Motorräder Charakter und Seele
haben? Der Mensch - und im besonderen der motorradfahrende - sucht
offensichtlich, im Bewußtsein seiner eigenen Unvollkommenheit, ein
Stück Technik, das in gleichem Maße Fehler und Macken hat wie er
selbst. Erst dann wird das Bike zum Partner, zum Freund.
Der Mann und die Frau im Sattel, sie müssen sich mit den Fehlern ihres
Untersatzes befassen. Sie versuchen, sie zu beheben, falls es nicht
gelingt, müssen sie mit ihnen leben. Und sie tun es gern und haben Spaß
dabei. Das ist immer noch das Wichtigste. Und dann spielt es auch keine
Rolle mehr, ob man weniger oder mehr säuft als seine Zweitakt-MZ oder
ob die XT 500 bei jedem Startvorgang ihrem Besitzer vor's Schienbein
tritt, dem Menschen auf der Electra Glide macht es nichts mehr aus, von
jedem Kleinwagen abgehängt zu werden und abgefallene Triumph
Bonneville-Teile lassen sich auch wieder anschweißen.
Es scheint ganz so, als ob der Kultbike-Eigner ehrlicher zu sich selbst
als andere ist. Am liebsten möchte er den High Tech-
Perfektionsmaschinen-Fahrern zurufen: „Seht her, das unter mir ist nur
eine Maschine, und doch ist sie fehlerhaft wie ich selbst. Euer
Motorrad mag perfekt sein, aber es macht Euch als Menschen auch nicht
besser.” Aber dann schweigt er doch lieber und freut sich. Der
Dnepr-Gespann-Fahrer freut sich über den Trick mit dem angeschweißten
Abschlepphaken, der MZ-Fahrer ist stolz darauf, daß er den letzten
Kasten Bier nicht ausgetrunken, sondern gegen einen Ersatzmotor
eingetauscht hat, und der Vmax-Fahrer bekommt immer noch rote Ohren,
wenn er an den Tag zurückdenkt, an dem ihm sein Reifenhändler das „Du”
angeboten hat.
Und wer es leid ist, in den Kabelbäumen seiner Guzzi einem
heimtückischen Kupferwurm hinterherzukriechen, wer es satt hat, wegen
der MZ vor der Eisdiele von den Mädchen (und Jungs) ausgelacht zu
werden, wer einfach keine Lust mehr darauf hat, jeden Morgen aufs Neue
von seinem Einzylinder getreten zu werden, der kann sich ja immer noch
eine CB 500, eine XJ 600, eine GSF, GSX, GPZ oder irgendwelche andere
Buchstaben kaufen. Höchstwahrscheinlich wird er es aber nicht tun.
Warum nicht? Weil ein paar Buchstaben noch lange kein Motorrad sind.
Genauso wenig wie ein Name ein Mensch ist. That's it.
Aber jetzt laßt uns von etwas anderem reden. Von der schlappen Batterie
meines Boxers zum Beispiel. Von den ewig blanken Pellen Deiner Vmax.
Hat irgend jemand den Batteriekastendeckel von Petras Bonneville
gesehen? Und ihr da hinten, habt ihr richtig was im Ärmel, könnt ihr
mal eben Dieters Ural-Gespann anschieben? Dann dürft ihr auch eine
Runde auf Zorros MZ drehen. Okay, ihr hättet lieber einen Kaffee? Könnt
ihr haben. Und dann muß ich euch unbedingt noch etwas erzählen...