Jedes Jahr mache ich in der Zeit vor dem großen 24-Stunden-Rennen in Le Castellet (bekannt als Bol
d'Or-Cup) mit meiner FJ 1200 für eine Woche einen „kleinen” Abstecher
durch irgendeine Gegend von Südfrankreich, anschließend besuche ich als
Abschluß das Rennen in Le Castellet, den Wallfahrtsort der
Motorradfahrer.
Im letzen Jahr hatte ich mir eine Route über Lyon, Clermont-Ferrand,
Bordeaux und von der Atlantikküste kommend durch die Pyrenäen
ausgesucht. Von Bordeaux kommend machte ich bei meiner Fahrt durch die
Pyrenäen dann ein paar Tage Station in dem Wallfahrtsort Lourdes, um
mir die sagenhaften Prozeduren in der heiligen Grotte mal näher zu
betrachten. In jedem Jahr sollen sich dort über 5 Millionen Pilger
einfinden, die auch noch mit Namensschildern und
Nationalitätskennzeichen versehen sind und sich bei der wöchentlich
stattfindenden, mitleidserregenden Vorführungsprozedur der
Krankenstuhlfahrer das Geld aus der Tasche ziehen lassen.
In der sagenumwobenen Grotte, in der am 1. Februar 1858 eine gewisse
Bernadette Sobirous Marienerscheinungen gehabt haben soll, sprudelt wie
schon vor langer Zeit immer noch das gleiche heilige Quellwasser,
welchem auch noch eine heilende Wirkung andichtet wird. Bis dato wollte
ich von solchen Märchen nichts wissen und habe über die Wirkung solch
heiliger Dinge nur müde gelächelt, aber das sollte sich ändern.

Um den Nachweis für meine Daheimgebliebenen zu erbringen, daß ich in
Lourdes gewesen war, wollte auch ich mir heilendes Wasser mit nach
Hause nehmen, da es doch für jeden kostenlos zu haben war. Ich hatte
allerdings nicht bedacht, daß man die Plastikkanister in diversen Größe
und mit einem Aufdruck von dem Wallfahrtsort Lourdes in einem der
umliegenden Souvenirläden für teures Geld kaufen muß. Ich besorgte mir
einen Einliter-Kanister, weil es der kleinste und billigste war und auf
meiner Yamaha am wenigsten Platz wegnahm, und stiefelte los.
Vor
den Grotten der heiligen Quelle hatten die tüchtigen Geschäftsleute von
Lourdes große Stände mit riesigen Kerzen aufgebaut - ohne Preise. Man
konnte sich eine dieser Kerzen nehmen und diese in den Grotten
aufstellen und anzünden. Dabei war es jedem selbst überlassen wieviel
er im Gegenzug bereit war zu spenden. Hierfür waren an den Ständen
Spendenbehälter mit einer Klappe angebracht - ähnlich wie Postkästen.
Wenn ich mich recht erinnere, wurden hier fast nur Scheine in der
Größenordnung deutscher Hundertmarkscheine hineingesteckt, bis das Geld
aus den Steckschlitzen wieder herausquoll; alle fünf Minuten kamen
daher Wärter und kassierten die Behälter ab. Meiner Ansicht nach könnte
man diese als die eigentliche heilige Quelle bezeichnen, da aus ihnen
das Geld nur so „herausquoll”.
Ich stellte mich also an eine der unzähligen Menschenschlangen an, um
mit meinem Einliter-Behälter in der Hand an das heilige Wasser zu
gelangen. Man hatte Wasserleitungen aus den Grotten herausgelegt, die
an Steinmauern dann mit ca. zehn Wasserhähnen befestigt waren. Um die
Behälter zu füllen, mußte man dann - wie z. B. auch auf Campingplätzen
üblich - den Hahn hinunter drücken. Vor mir hatte sich ein jüngerer,
männlicher Wallfahrer mit einer schwarzen Kutte und einem Riesenkreuz
um den Hals plötzlich auf die Knie fallen lassen und rutschte die
letzten zehn Meter bis zum heiligen Wasser auf den Knien über den
steinigen Boden. Er muß wohl schon eine Menge Hornhaut gehabt haben,
ich hätte das sicher nicht ohne Hautabschürfungen geschafft.
Ein anderer älterer Wallfahrer aus Spanien mit einem am Bindfaden
umgehängten Eierbecher - wie bei Kohlfahrten üblich - war an einen der
tröpfelnden Wasserhähne unmittelbar neben mir angelangt und nahm einen
Schluck von dem heiligen Wasser. Auf einmal wurde er ohnmächtig und
fiel rückwärts mit dem Hinterkopf auf eine der Steinplatten. Man hatte
wohl in solchen Dingen schon Erfahrung, denn der Krankenwagen war
innerhalb von 30 Sekunden da und transportierte den stark aus seiner
Platzwunde blutenden Verunglückten schnellstens ab - wohl um den
Geldfluß nicht zu unterbrechen, er war denn auch ausgerechnet vor einen
Geldbehälter gefallen. Scheinbar war ihm das heilende Wasser nicht sehr
gut bekommen.
Als ich dann endlich an der Reihe gewesen wäre, meinen Behälter zu
füllen, drängelte sich auf einmal ein „Lourdes-Wärter” mit einem großen
20-Liter Behälter vor und hielt die Öffnung unter den Wasserhahn. Auf
dem Kanister stand „Wasser für Schwester Agathe”. Sie schien wohl sehr
krank zu sein wenn sie 20 Liter braucht, dachte ich mir. Man hatte
scheinbar vergessen, etwas mehr Druck auf die Leitung zu geben; einen
so großen Behälter zu füllen, dauerte leicht zehn Minuten. Schließlich
konnte auch ich meinen Kanister füllen und begab mich zurück zu dem vom
ADAC empfohlenen Campingplatz, der etwas außerhalb von Lourdes liegt
und zu Fuß in etwa 15 Minuten zu erreichen ist.
Am nächsten Morgen machte ich mich dann wieder auf den Weg Richtung Le
Castellet. Meine Route führte unmittelbar an der spanischen Grenze
entlang. Kurz vor Mittag kam ich durch eine kleine Ortschaft in
unmittelbarer Nähe der spanischen Grenze und geriet unversehens in eine
Verkehrskontrolle größeren Ausmaßes. Circa zehn Polizei-LKWs standen
auf der rechten Straßenseite und circa fünf Polizei-Personenwagen auf
der linken. Eine Hundertschaft Polizei stand bei den LKWs und eine
Gruppe von circa zehn Uniformierten stand mit Maschinenpistolen
bewaffnet an der rechten Straßenseite. Wie ich später erfahren habe,
ist ausgerechnet die Straße zwischen der spanischen Grenze und diesem
Ort bei Drogenkurieren sehr beliebt, daher der Aufwand.

Ein Uniformierter mit einem deutschen Schäferhund hielt mir die Kelle vor
die Nase und forderte mich auf, anzuhalten. Ein Blick auf die
Maschinengewehre sagte mir, daß ich wohl keine Wahl hätte. Der
Uniformierte mit dem Hund, er war als Offizier zu erkennen, und ein
Uniformierter mit einer Maschinenpistole nahmen mich in die Mangel, der
Hund sollte mein Motorrad abschnüffeln - stattdessen biß er mir in den
rechten Oberschenkel. Dank meiner Harro-Lederhose konnte er sich
allerdings nicht richtig festbeißen. Dennoch wurde die Sache ernst. Die
bewaffneten Uniformierten umkreisten mich sofort und das
Maschinengewehr des ersten Uniformierten bohrte sich in mein rechtes
Nasenloch. Ich kapitulierte sofort.
Der Offizier mit dem Hund fragte: „Where do you come from?" Ebenfalls auf
englisch antwortete ich ihm, daß meine letzte Station Lourdes gewesen
sei. Inzwischen hatten mich die restlichen bewaffneten Uniformierten
vollständig umkreist. Wenn sie alle abgedrückt hätten, hätten sie sich
bestimmt alle selbst erschossen. Mein Tankrucksack wurde durchsucht und
ich mußte meinen Rucksack öffnen. Als erstes kam ein großes
Klapp-Messer, was ich bei Hein Gericke für 29,50 DM gekauft hatte,
zutage. Der Uniformierte mit der Maschinenpistole holte schon seine
Handschellen heraus. Der Offizier fragte weiter: „What's your
profession?”, und ich antworte, daß ich Fotograf sei und eigentlich zum
Rennen nach Le Castellet wollte, um dort zu fotografieren und einen
Bericht zu verfassen.
Da fand er in meinem Rucksack den Behälter
mit dem Lourdes-Wasser. Sein Gesicht wurde freundlicher bis sehr
freundlich, er packte den Behälter wieder in den Rucksack, machte ihn
zu, hängte ihn mir sogar wieder um und machte eine Handbewegung, daß
alles in Ordnung sei und ich weiterfahren könnte. Wie das bei der
Polizei so üblich ist, hat das restliche Fußfolk der Uniformierten
nichts mitbekommen und wollte es einfach nicht wahrhaben, wo mich doch
der Hund gebissen hatte. Ich sah zu, daß ich diesen Ort schnellstens
verließ, wobei mir der Kupferbolzen immer noch aus dem Hintern guckte.
Da soll noch mal einer sagen, daß Lourdes-Wasser keine Heilkraft hat