Grad noch so unter den tiefhängenden Wolken
durchgemogelt und das erst gestern stundenlang polierte, eiserne Pferd
trocken in einen Stall gebracht. Obwohl, viel Hoffnung besteht ja
nicht, in einer knappen Stunde auch trocken auf die Party zu gelangen.
Wie auch immer, es ist Eile geboten! Sonst wäre wieder mal ein Zehner
fällig. Für Klubaktionen haben wir erfolgreich die Regelung eingeführt:
wer die Toleranz des akademischen Viertels überschreitet, der
bereichert die Freßkasse um zehn deutsche Märker. Seit der Einführung
dieser brettharten Regelung, sind wir auch nicht mehr die letzten auf
unseren eigenen Veranstaltungen.
Also schnell ein reinigendes Bad, umziehen und so nebenbei noch einen
Bissen zwischen die Zähne schieben. Los geht's... Mist! Hab' ich's mir
doch gedacht, Petrus hatte die Wolke auf mich warten lassen. Dabei
zahle ich doch immer pünktlich meinen Beitrag zum Verein passiver
Himmelsaspiranten in Form von Kirchensteuer. Tja, die Putzstunden hätte
ich mir schenken können. Man sollte sein Mopped sowieso nicht mehr
polieren, sondern nur einfetten und einölen. Mit strahlendem Bock zur
Fete, das gibt es wohl nur im Film. Soll ich mich noch ins Präservativ
zwängen? Nein, heute habe ich keine Lust als riesiges Gummibärchen im
Regenkombi auf der Feier zu erscheinen. Heute muß das schwarze Leder
die wenigen Tropfen abweisen. Ist ja nur ein Katzensprung. Obwohl,
Stiefel und Schienenbeine werden wieder ein dezentes Straßengrau
annehmen. Egal, keine Zeit. Verdammt, was läßt sich der Zweizylinder
wieder so lange bitten? Endlich nach ungezähltem Abrutschen der
Ausgehstiefel vom Kickstarter, erwachen die Lebensgeister des
Donnervogels. Mein Deo hat natürlich längst versagt. Der satte
Dampfhammer-Sound entschädigt jedoch für alles. Aha, Petrus hat mich
entdeckt. Die Regentropfen scheinen sich nun auf mich zu konzentrieren.
Jetzt aber zügig durch, die Toleranzzeit läuft bereits! Endlich raus
aus der Stadt.
Hier auf der einsamen Nebenstrecke kann ich es etwas mehr gehen lassen,
zwar ist die Straße sehr schmal, aber links und rechts sind nur Felder
und Wäldchen. Jetzt noch diese langgezogene Rechtskurve und... zu
spät!!!

Die
ganze Straße ist übersät mit dicken Erdklumpen, das Vorderrad schmiert
weg, der Bock sucht sich seine Richtung selbst, im Scheinwerferlicht
taucht ein unbekannter Hügel auf, kommt näher und näher Scheiiii...
dumpfer Aufprall, Schmerz. Es ist vorbei. Oder? Vorsichtig bewege ich
einen Knochen nach dem anderen - alles noch dran. Hände und Beine kann
ich drehen, ohne daß sich der Schmerz noch wesentlich verstärkt, ein
gutes Zeichen! Schwein gehabt! Langsam versuche ich aufzustehen. Was
ist das bloß für ein merkwürdiger Hügel hier? Mann, Rüben, überall
Rüben. Daher der gedämpfte Aufprall. Bis auf ein paar Beulen und
Prellungen alles okay. Nun geht's daran, den ”Rübentorpedo” zu bergen.
Immer wieder rutsche ich auf dem fruchtigen Haufen aus.
Schneeschuhgroße Ackerbrocken kleben anhänglich an meinen besten
Stiefeln und erschweren die Fortbewegung. Doch was macht schon der
Dreck, Petrus muß auch dieses Schauspiel beobachtet haben, denn er
verstärkt die Zahl der reinigenden Tropfen nun noch.
Nach einem
Viertelstündchen harten Kampfes, habe ich meine Runkelrakete endlich
wieder auf der Straße. Die Schäden halten sich dank der Elastizität der
Erdfrüchte in Grenzen, jedoch mein Mopped ist verärgert! Es kostet die
Kraft vieler Tritte, bis der Motor endlich seine Arbeit wieder
aufnimmt, obwohl er doch im Gegensatz zu mir auch die Wochenendarbeit
gewöhnt ist. Naja, das erwärmt die nasse Haut wenigstens. Dann - ”on
the road again”! Weiter geht's, der nur wenige Kilometer entfernten
Fete entgegen.
Doch was ist jetzt schon wieder? Ein Stottern und - Bööööhh.... verdammt, das war's!
Leider nicht mehr rechtzeitig denn Benzinhahn auf Reserve umgelegt -
Aus. Wieder stehe ich wie ein begossener Pudel im Regen (die Frisur
paßt nicht!). Haben sich denn alle Götter gegen mich verschworen? Es
darf erneut getreten werden. Die glatten Ledersohlen sind auch nicht
griffiger geworden. Kick, rutsch ab, und noch mal. Bevor ich den
Kickstarter voll durchtreten kann, rutsche ich auch schon wieder ab.

Hölle,
ist wohl nicht mein Tag heute. Wie lange probiere ich es jetzt schon,
zehn Minuten oder länger? Zwischendurch immer mal wieder den Starthahn
zu, damit das Schätzchen nicht absäuft. Wandeln wir die Wut doch
einfach in Schubkraft um und probieren es mal mit anschieben.
Auf
gehts, Teufel - Kompression ist satt da, aber anspringen ist nicht.
lmmer wieder entfährt mir das in der deutschen Umgangssprache geläufige
Wort für Fäkalien.
Also aufbocken und kicken, abrutschen, kicken, kicken... Da! - das
klingt gut! Gleich noch mal versuchen - nichts. Inzwischen sind meine
Klamotten von innen genauso naß wie von außen, puh.
Schon sehne ich mich zurück nach meiner Honda mit E-Starter, die immer
ansprang. Ein dreiviertel Jahr fahre ich diesen Oldie nun und bisher
hat er mich noch nie so hängen lassen, trotz seines Alters von dreißig
Jahren. Also nicht kapitulieren und wacker weiterversuchen. Was lange
gährt, wird endlich Wut! Helm ab, Handschuhe aus, Jacke auf und kicken,
kicken, kicken....
Werkzeug habe ich für ”die paar Meter” auch nicht dabei. Egal, das
Kerzenbild kann nach dieser Aktion sowieso nur noch schwarz sein.
Schieben wir doch noch mal. Da, ein Tuckern - sie kommt, hurra. Jetzt
aber auf Gas halten, sonst ist alles aus, alle Energie aufgebraucht.
Naja, wenigstens ein Zylinder hat die Arbeit aufgenommen. Dann, mit
einer Hand immer am Gasgriff drehend, den Helm auf, die Jacke zufummeln
und das Schwierigste, die nassen Handschuhe überstülpen. Jetzt aber
los. Erinnert mich irgendwie an die Klasse-5-Zeiten, so mit einem
Zylinder durch die Gegend zu knattern. Damals habe ich die Kreidler
rein gefühlsmäßig auch mehr geschoben als gefahren.
Was mag bloß mit dem Bock los sein? Hat er vielleicht doch mehr abbekommen als erwartet?
Da, ein Ruck und .... vorbei. Kurzzeitig lief der zweite Zylinder mit.
Für die gesamte Dauer der langsamen Fahrt, beschäftigt meine Birne
nichts anderes, als die mutmaßliche Fehlerdiagnose. Ich werde nicht
eher Ruhe finden, bis ich genau weiß, was meinem geliebten Mopped
fehlt. Endlich erreiche ich doch noch das Ziel.
Das Fest ist inzwischen in vollem Gange. Texte zur Begrüßung, wie zum
Beispiel: ”Na du altes Trüffelschwein, hättest dich ja wenigstens
umziehen können, wo du sowieso schon so spät kommst...” bereichern
meine Laune. Ich greife mir meinen Freund Steiner, wohlwissend, daß er
einen wahrhaft prächtigen Bordwerkzeugkasten an seinem Krad ständig mit
sich führt. Mein innerer Frieden kann nur durch den satten Sound beider
Zylinder meines Brenners wieder hergestellt werden. Schon vor dem
Herausdrehen der Kerzen offenbart sich die Ursache allen Übels: Das
Zündkabel des linken Zylinderkopfes hängt lose im Kerzenstecker. Er muß
sich durch Rübeneinwirkung gelockert haben und läßt nun keinen
richtigen Kontakt mehr zustande kommen. Und ich Rindvieh habe alles auf
das Leerfahren der Vergaser zurückgeführt!
Wäre ich gelenkig wie ein indischer Yogi, würde ich mir gern selber in
die Kiste getreten. So aber trete ich lieber auf den Kickstarter und -
ja, der Sound ist meine Lieblingsmusik. Das tut meinen Ohren gut. Jetzt
habe ich mir aber eine ”Hopfen-Kaltschale” verdient, also hinein ins
Getümmel.
An der Theke labert mich ein Typ an. Autofahrer seines Zeichens und nur
durch den Anlaß der Geburtstagsfeier unter die Biker geraten. ”Macht
das denn jetzt noch Spaß, Motorradfahren bei dem Wetter? Also ich
versteh euch nicht.” Dabei mustert er mich von oben bis unten wie einen
Klempner, der gerade in einer verstopften Toilette ”hart
durchgegriffen” hat. ”Weißt du, manchmal verstehe ich mich selber
nicht. Aber es soll ja auch welche geben, die an der einen Seite vom
Berg unter Einsatz ihres Lebens hochklettern, obwohl sie wissen, daß es
auf der anderen Seite 'ne Seilbahn gibt!” - ”Häh?”