
Heute muß ich mit meinem Moped zum TÜV. Kein Problem, auch wenn viel Selbstgestricktes dran ist.
Es soll ja Leute geben, die sich vordiesem Termin völlig verrückt
machen. Einige sollen sogar nicht mehr Herr ihrer Sinne sein und Dinge
miteinander verwechseln. Habe ich kein Verständnis für. Echt nich'!
„Jetzt dreh' nicht durch, Alter", sage ich nachdrücklich zu dem etwas
übernächtigten Typen, der mich aus meinem Badezimmerspiegel anblickt.
Dann ziehe ich langsam den fettigen Stielkamm heraus, den ich mir, im
Glauben es sei die Zahnbürste, schon relativ weit in die Backen
geschoben habe. „Jetzt ist auch klar, warum es heute morgen mit dem
Kämmen so lange gedauert hat”, murmele ich weiter vor mich hin und
betrachte angewidert die dunkelblonden Haare, die sich lustig zwischen
den Borsten meiner Zahnbürste verwickelt haben...
Ich darf mich nicht so verrückt machen, schließlich bin ich gut
vorbereitet. Eigentlich kann nichts schief gehen, es sei denn... -
verdammt, Schluß damit! Alles wird glatt gehen, reg dich ab, alter
Junge, nur die Ruhe bewahren. „Kein Grund zur Panik”, beruhige ich mich
ein letztes Mal, nachdem ich auch die Rasiercreme von dem
Hornhautschaber abgewaschen habe und voller Tatendrang mein Bad durch
die dafür vorgesehene Tür verlasse. Sie fällt hinter mir laut klappernd
ins Schloß, und während ich mich noch kurz frage, wer wohl über Nacht
meine Diele gekachelt hat, stelle ichresignierend fest, daß ich in
meiner Duschkabine stehe...
Wie kann ein einzelner Mensch, von seiner Veranlagung her ja ein
vernunftbegabtes Wesen, sich nur so verrückt m achen? Auch noch wegen
einer solchen Lapalie. „So'n bißchen urdeutscher Normbehörden-Kram wird
dich doch nicht aus der Bahn werfen, meinGutster”, feuere ich mich
weiter an, während ich gleichzeitig die Tageszeitung aufschlage, um
mich etwas abzulenken.
Ich beziehe eine gute Tageszeitung, welche über engagierte Mitarbeiter
verfügt, die die Dinge auch beim Namen nennen dürfen, kurzum, soviel
frustrierendeTatsachen kann kaum ein Mensch zu dieser frühen Stunde
schon verarbeiten. Ich schaue nur das Titelbild vom Kanzler an und
stelle dann die Zeitung so hinter die Kaffeekanne, daß mich der
Bundeshelmut nicht sehen kann.
Doch er erinnert mich gleich an das Eigenbau-Fäßchen, welches als
Öltank in seiner bauchigen Form hochpoliert im hinteren Rahmendreieck
meiner Maschine hängt, wunderschön anzusehen aber auch durchaus
geeignet, einem überzeugten Amtsschimmel den Sod in Brand zu setzen.
„Ich hätte es noch raus nehmen sollen”, schießt es mir durch den Kopf,
bis ich merke das ich mir schon den vierten Löffel Zucker in den Mocca
kippe...
Ich bin kurz davor, den TÜV-Termin abzuhaken und mich einfach wieder
hinzulegen, da erwacht in mir der Held. „Plus! Plus. Plus! Plus! Plus!”
stoße ich mehrfach konvulsivisch aus, denn ich will an etwas positives
denken, was mir dadurch auch sofort gelingt. Dann schütte ich den
Kaffee in einem Zug hinunter, stutze für einen Moment, schaue auf den
Zuckerpott, auf dem in großen Lettem „SALZ” steht, gehe nochmal kurz
ins Bad, halt um zu brechen, putze mir erneut die Zähne, spucke die
Haare ins Becken und bin auch schon mit einem Satz an der Garderobe, um
mich in Wachscotton zu kleiden.
Dies alles tue ich in völliger Ruhe, weil ich nur eines im Sinn habe:„Plus! Plus! Plus! Plus!”
Positives Denken! Kann sehr hilfreich sein in solchen Momenten, sagt
jedenfalls mein Guru. Scheint auch zu klappen, denn ich war so positiv
geladen, daß schon kleine Blitze aus meinen Ohren zuckten, mir konnte
also nichts passieren.
Fünf Minuten später verließ ich mit ruppig brabbelnden Motor aber guten
Mutes den Hof in Richtung TÜV. Das Moped ist „TÜV-gerecht” zu-, bzw.
hergerichtet und läuft nur unwillig. Wer mag's verdenken? Im festen
Glauben, die Taschen voller Trümpfe zu haben, reihe ich mich mit meinem
Krad in den allmorgenlichen Zug der Lemminge in Richtung Innenstadt
ein. Beim Überwachungs-Verein ist erstmal anstehen angesagt. Schlange
bei der Anmeldung, Vollabnahme, Teilstillegung, Eintragung, ASU, Brief,
Schein, Gutachten, Bescheinigung. Eine gute halbe Stunde lang hört man
kaum einmal ein anderes Wort. Natürlich bis auf den Typen, der sich
direkt hinter mir in der Schlange einreiht und mir endlos ein Ohr
abkaut von wegen seinem obergeilen Manta den er „jezz überm Tüff
bringen will mit all die Spoilers un' die breiten Schluffen un'
übahaupt tiefer, breiter, alu-alu un'Sporthocker un'so”.
Der Typ hat'n Kinn wie ein Kohlenkasten, seine Statur erinnert mich an
die Firma Bauknecht, dazu Rudi-Völler-Frisur und säuerlicher
Mundgeruch. So richtig zum liebhaben. Ich konnte ihn schließlich davon
überzeugen, daß sein Fahrzeug für mich ohne jedes Interesse ist, indem
ich ihn nach einigen Minuten darauf hinwies, daß ich ihm unheimlich
eine reinhauen würde, wenn er nicht sofort die Schnauze hält. Meine
eigene Statur erinnert zwar auch an die Firma Bauknecht, dort aber doch
mehr an die KühlGefrier-Kombination, deshalb kommt von dem Klops kein
Wiederspruch.
Er hält sein Maul, riecht aber weiter schlecht vor sich hin. Ich bin
schon fast an der Reihe, als die Situation sich noch einmal zuspitzt.
Der ältere Herr, der unmittelbar vor mir dran ist, hat bei dem langen
Warten vergessen, warum er eigentlich gekommen ist. Die Dame gibt
wirklich ihr Bestes, dem alten Knaben ein wenig auf die Sprünge zu
helfen, da sie glaubt, aus seinen mitgebrachten Papieren erahnen zu
können, was denn nun sein Begehr ist. Da er nur Behindertenausweis und
Brillenpass mit sich führt, ziehen sich die Ermittlungen etwas hin, bis
nach einigen Minuten schließlich jemand aus dem hinteren Winkel des
Raumes fordert, man solle den alten Knacker endlich seinem Schicksal
überlassen. Und da niemand wiederspricht, führen ihn flinke Hände an
die frische Luft, wo er bis auf weiteres abgestellt wird. „Wie gemein”,
denke ich noch.
Die Reihe ist nun an mir. „Normale Vorführung und sechs Eintragungen”,
geht es mir spielend leicht von den Lippen, da sehe ich auch schon
kleine Dollarzeichen in den Augen der Kasseuse blinken, wenn nicht
sogar funkeln. Als sie mir die Endsumme nennt, verbrauche ich auf einen
Schlag ziemlich viel positive Ladung. Der Kohlenkasten hinter mir
grinst hämisch und atmet mir von schräg rechts ins Ohr. Ich steige ihm
scheinbar ungeschickt mit dem Absatz meiner Stiefel auf die
Adidas-Tumschlappen und entschuldige mich der Form halber, jedoch nicht
ohne noch einmal kräftig durchzufedern. Sein Gesicht entschädigt mich
für Vieles.
Raus aus der Anmeldung und wieder warten. „Sie werden dann aufgerufen”,
piepst mir die Kasseuse noch hinterher. „Fein”, piepse ich zurück;
jetzt hock' ich auf meinem Moto und freue mich, daß es anfängt zu
hageln... Also das Krad vom Ständer genommen und in die TÜV-Halle
geschoben, ganz vorne rechts in die Ecke, um niemandem im Weg zu stehen
und trotzdem diesen Kirmeslautsprecher noch zu hören, der die
Kennzeichen aufruft.
Ich habe die nasse Wachsjacke an den Lenker gehängt und fülle gerade
ein gummiertes Stück Papier mit feingeschnittenem Tabak, da höre ich
frontal von hinten den Satz: „Dassis hier aba keine Pausenhalle, junger
Mann” Dreh' dich besser mal um, sag' ich zu mir. Ich blicke in ein
Normgesicht nach DIN 1435, quadratisch, praktisch, gar nicht mal so
gut. Mir fehlen die Worte. Ihm offensichtlich auch, denn er deutet nur
stumm auf einen kleinen Metallkasten an der Wand, den ich wohl seiner
Meinung nach zugeparkt habe. „Wie soll man denn da jetzt noch
rankommen?”, entfährt es ihm dann doch noch.
„lch mach'dir die Räuberleiter, du Erdmännchen!”, sage ich natürlich
nicht, sondern denke es nur, gleichzeitig pack ich meinen Brödel
zusammen, wuchte das Bike vom Ständer und schiebe es zwei Meter weiter,
um es dort abzustellen. Als ich mich wieder umdrehe, ist der Wichtel
verschwunden. Er wollte nämlich gar nicht an den Kasten, aber es könnte
ja sein, daß zufällig in fünf Minuten einer mal dran will... „Plus!
Plus! Plus! Ich muß mich langsam wieder aufladen, mein Positiv-Akku
wird zu stark beansprucht.

In der Halle ist Hochbetrieb angesagt. Aus allen Richtungen klingt hämmern
umd klopfen, quietschendes Gummi und schlagende Metallplanken sind noch
die akustischen Highlights. Schon nach gut einer Stunde bin ich an der
Reihe, stehe sogar schon in der richtigen Spur. Ich nehme also nur die
Jacke vom Lenker und harre in aktiver Gelassenheit der Dinge, die da
kommen. Nachdem ich etwa fünf Minuten geharrt hatte, passierte es .
„Stellen sie das Krad bitte hierher!”, schnitt es mir von hinten
messerscharf in die Ohren. Das Normgesicht hatte sich wieder
angeschlichen, schon wieder von hinten. Ich erfüllte seinen Wunsch, das
Moped stand nun wieder genau an der Stelle, von der er mich noch kurze
Zeit vorher vertrieben hatte, als prophyilaktische Maßnahme sozusagen.
Ich registriere außergewöhnlich hohe Entnahmen aus meinem Positiv-Akku.
Er huselt dreimal um das Moped herum, wobei er sich jedesmal ducken
muß, wenn er an dem Metallkasten vorbei geht. Aber er hat es ja nicht
anders gewollt. Dann geht er neben der Maschine in die Hocke, federt
drei- bis achtmal in den Knien, wahrscheinlich um sich warm zu machen
oder sich zu motivieren (man kennt so etwas ja vom American
Football...), um dann letztlich katapultartig hochzuschnellen.
Ich nehme an, daß er auch noch etwas sagen wollte, dies war zumindest
seinem entschlossenen Blick und den schon gespitzten Lippen zu
entnehmen. Doch er kam nicht mehr dazu, denn seine doch recht
dynamische Aufwärtsbewegung wurde relativ abrupt gebremst. - Durch den
Metallkasten, an den er wohl nicht mehr gedacht hatte. Der aber direkt
über ihm hing, und den er jetzt wohl so schnell nicht wird vergessen
können...
Es hat so dermaßen gescheppert, daß ich dachte, ich kriege nur vom
Hinsehen eine Beule. Mein Positiv-Akku platzte aus allen Nähten, er war
auf einen Schlag randvoll. Jetzt war mir auch klar, woher sein Kopf
seine quadratische Form hatte. Und ich hatte miterleben dürfen, wie er
wieder ein gutes Stück eckigerundvor allem oben flacher geworden ist.
Muß gerade auf Stehparties ungemein praktisch sein, wenn man mal die
Hände freihaben möchte und nicht weiß, wohin mit dem Bierglas. Wie
gesagt stieg mein Stimmungsbarometer durch diese unfaßbare Darbietung
gewaltig, zumal ich auch den Eindruck hatte, daß doch die
Entschlossenheit seines Blickes etwas nachgelassen hatte. Er dreht sich
etwa sechsmal im Kreis, eine Pirouette schöner als die andere, bis ihn
die Wand rettet. Eigentlich ist dieser Tag für ihn gelaufen. Er weiß es
nur leider nicht. Er rappelt sich wieder auf, doch sein Blick verrät
eine tiefe innere Leere. Dann zieht er seine Abnahme durch, wobei es
ihm am meisten Spaßmacht, zwischendurch mal kurz ums Moped zu hüpfen
und mit ziemlich viel Spucke ein Motorgeräusch nachzumachen.
Schlagartig wurde mir einiges klar, ich erkannte meine Chance und
nutztesie. Ich machte ihn darauf aufmerksam,daß er mir auch einige
Eintragungen machen muß, worüber er sich riesig freute. Das muß nur
schnell über die Bühne gehen, bevor die Kollegen merken, daß ihr
Kleinster jetzt die Narrenkappe trägt... Er trägt mir anstandslos alles
ein, offene Anlage, offene Trichter, offenen Tank,
Leistungsreduzierung, einfach alles, was mir so in den Sinn kommt. Nur
zehn Minuten später verlasse ich das Gelände, mein kleiner Freund winkt
noch einen Moment hinter mir her, um sich dann neue Spielkameraden zu
suchen.
Mein Fahrzeugbrief ist randvoll mit Eintragungen, unter anderem so
sinnvolle Dinge wie die Freigabe für den Vierpersonenbetrieb, ein
Cabrio-Verdeck und die Bestätigung, daß es sich bei meinem Motorrad um
ein Campingfahrzeug handelt. Natürlich habe ich auch die neue
TÜV-Plakette, er hat mir alle geschenkt, die er hatte; niedliches
Kerlchen.
Ich weiß garnicht, warum sich einige Leute so vor dem TÜV fürchten. Ich
freu' mich jetzt schon aufs nächste Mal. Denn wann und wo bekommt man
so etwas sonst geboten? Doch nur in seiner Phantasie...