
Samstagmorgen,
10 Uhr, der erste Augenaufschlag. Was liegt an? Einkaufen (Blick zum
Fenster - na wenigstens trocken), Waschen (Blick zum Fenster - hey ist
ja richtig sonnig!) und das Badezimmer saubermachen (Blick zum Fenster
- Ist ja ein strahlend blauer Himmel, aber bestimmt saukalt). Erst mal
'nen Kaffee! Ein Auge schleicht sich zur Kombi - nee is' nich', hast
genug auf der Liste (Blick zum Fenster - ist auch bestimmt zu kalt!)
Lärmendes Geblubber aus der Küche, Kaffee is' durch (Blick zum Fenster
- guck doch mal raus, so kalt ist es vielleicht doch nicht und wozu
gibt's lange Unterhosen! Nur so 100 Kilometer, zwei Stunden oder so!).
Schätze die Würfel sind gefallen, aber ich hab' gekämpft.
Also rein
in die schnelle Jacke. Mit den ganzen Klamotten drunter ist das Ding
ganz schön eng! Nun aber los, es ist schon 11 Uhr durch. Hoffentlich
sind die Winterhandschuhe noch in der Garage. Mit den zwei Paar Socken
hab' ich wohl übertrieben, ich kann kaum laufen. Was für ein Tag, Choke
gezogen, rauf auf den Kickstarter, Oberer Totpunkt gesucht und...oh,
oh, das Öl ist zäh wie Bärensch...dreck! Na dann Jacke aus, Ärmel hoch
und mit Schwung......!
Eine halbe Stunde später: die Klamotten sind wild in der Garage
verstreut, der Kopf ist hochrot, die Atmung geht stoßweise und die
Augen versuchen, meinen Körper zu verlassen, kurz, ich geb's auf!
Einmal noch die Kerzen trocknen, ein letzter Versuch (zuhause wartet
doch nur das Badezimmer) ! Augen zu und druff? Yes! Ein noch unrundes
Gerummel übertönt mein Japsen. Sie läuft!! Die Vision einer
honigartigen Masse, die durch 6 mm Bohrungen gepresst wird, durchzuckt
mich. Aber sie läuft!
Nun nur noch schnell raus aus dem Stadtgebiet. Doch an der ersten Ampel
wird mir klar, daß das so schnell nichts wird. Verkaufsoffener Samstag!
Nach gnadenlosem Übertreten sämtlicher Verkehrsregeln und durch den
geball- ten Einsatz meiner Insiderkenntnisse sehe ich nach eineinhalb
Stunden endlich das Ortsschild im Rückspiegel verschwinden. Das
weiträumige Umfahren von Konsumtempeln zeichnet den Weg duch die
Vorstadt.

Langsam
werden die Finger steif, die Nackenmuskulatur verkrampft und der Kaffee
will auch wieder raus. Also Landstraßenparkplatz suchen... eine
Königsdisziplin! Natürlich ist es nur ein forstwirtschaftlich genutzter
Seitenweg geworden, aber der hartgefrorene Boden bietet zumindest die
Möglichkeit, das Moped sicher abzustellen. Beim Fummeln in Kombi und
Unterhose wird mir schlagartig der vielzitierte kleine Unterschied
bewußt! Na ja, die Treter sind gut geölt, leckende Kopfdichtung sei
Dank. Die Selbstgedrehte hat fatale Ähnlichkeit mit einem mißglückten
Oregamiversuch und die auf dem Zylinder abgelegten Handschuhe sind
jetzt zwar ölverschmiert aber warm. Nur die Füße!! Zwei Paar Socken
waren einfach 'ne Scheißidee, läßt sich ja ändern, auch wenn der
Grünberockte, der mich beobachtet, jetzt das große Kopfschütteln
kriegt. Zeit die Biege zu machen.
Die nächste Etappe ist zum Einen
begleitet von einem faszinierenden Lichtspiel der schrägstehenden
Sonne, die nur ein heller Wintertag bieten kann, und zum Anderen von
einem im- mer stärker werdenden Hungergefühl. Letzteres läßt sich ja
eine ganze Weile ignorieren, aber der verträumte Landgasthof taucht
immer öfter in meiner Phantasie auf. Ein paar deftige
Mittagstischüberbleibsel wären jetzt spitze! Nachdem auch der dritte
angefahrene Gasthof geschlossen hat, nähert sich meine Laune der
Außentemperatur. Plötzlich taucht ein unangenehm vertrautes Bild vor
mir auf. Ein neonlichtdurchfluteter Glasanbau mit Schiebetür und
schmuckloser Reklame. Ne Frittenschmiede! Na klasse!
Sofort nach dem Eintreten stürzt sich die heiße, fettschwangere Luft
auf das kalte Lederum zu kondensieren und hinterläßt einen milchigen,
trüben Belag. Nun gut, muß wohl diesen Winter nicht mehr gefettet
werden. Wider Erwarten ist der Kartoffelsalat selbstgemacht, der Kaffee
heiß und stark, selbst die Currywurst ist kein Museumsstück, meine
Laune steigt! Nachdem sich zeigt, daß der Frittendealer recht redselig
ist und ich sein einziges Opfer bin, drängt es mich zum Aufbruch.
Irgend einen Haken mußte die Sache ja haben! Egal, die Sonne steht
ohnehin schon auf recht spät.
Auf der Rückfahrt zieht leichte Bewölkung auf, die kurze Zeit später
dazu führt, daß der frühe Abend die lästige Dämmerung schlicht
überspringt und ansatzlos auf stockduster schaltet. Von nun an läßt
jedes entgegenkommende Fahrzeug ein grelles Farbkaleidoskop auf meinem
beschlagenen Visier explodieren. Aber nicht nur das zwingt mich zur
langsamen Fahrt. Auch der etwas spontane Aufbruch und das achtlos um
den Hals gewickelte Tuch machen sich unschön bemerkbar. Einem eiskalten
Luftstrom ist es gelungen, sich im Nackenbereich einen Weg unter das
Leder zu bahnen, was mich restlos verkrampfen läßt. Der Gedanke
anzuhalten und mit den kalten, klammen Greifern am Hals rumzufingern
ist auch nicht die rechte Alternative. Da mußt du durch, Junge
Selbst das heute Morgen noch verfluchte Ortsschild erzeugt nun eine
eher wärmende Emotion. Auf dem hier immer wieder gern genommenen
Kopfsteinplaster drifte ich - bei nun einsetzendem Schneefall - bis in
die Garage und versuche, die gut fünf Zentner Metall mit steifen
Fingern und einknickenden Knien auf den Hauptständer zu wuchten. Ich
scheitere kläglich.
Das auf dem Heimweg unvermeidlich folgende Zwiegespräch mit mir selbst
erstaunt einige abendliche Spaziergänger. Satzfetzen wie: „...aber das
allerletzte Mal in diesem Jahr" „...blödsinniger Machotrip" „... werd'
endlich Erwachsen..." vor mich hinbrabbelnd und mit staksigem Gang
mache ich wohl nicht die beste Figur. Jedoch schon eine Viertelstunde
später, breit grinsend unter der heißen Dusche, bin ich mir sicher: ein
toller Tag Mann!! Mal schaun, was der Wetterbericht für morgen so sagt!
Erwachsen werden ist eben etwas für Kinder!