
Wie viel Stiefel braucht der sportliche Motorradfahrer wirklich, wieviel Schutz sollte ein Stiefel bieten, wann wird es unbequem, und was darf das Schuhwerk kosten. Da es auf dem Markt der sportlichen Stiefel eine fast unüberschaubare Auswahl gibt, haben wir für diesen Test vier Stiefel miteinander verglichen, deren Preisspanne von knapp 200 Euro bis zu 350 Euro reicht. Im Aufgebot stehen der Alpinestars SMX-4 als günstigste Variante, der Gaerne G-RS und der TCX Competizione RS, die das preisliche Mittelfeld bilden und der Puma 1000 als teuerster Treter.
Interessant ist hierbei, daß in den letzten Jahren bei vielen Stiefeln besonderer Wert auf die Verdrehsteifigkeit des Fußes gelegt wurde. So werden drei der Paare von großflächigen Kunststoffabdeckungen, die als Gelenkstabilisierung dienen, ab dem Knöchelbereich umgeben. Wer sich dabei an Ski-Stiefel erinnert fühlt, liegt nicht ganz verkehrt, denn zumindest beim Gewicht drückt das zusätzliche Plastik gehörig auf die Waage. So macht der Zähler beim einzeln gewogenen Puma 1000 erst bei 1420 Gramm halt, während der plasiklose Alpinestars SMX-4 mit 1075 Gramm pro Stück auskommt. Daß das Gewicht und die damit einhergehenden Versteifungen sich auch beim alltäglichen Gebrauch bemerkbar machen, scheint klar. Inwieweit das Einfluß auf die Sicherheit hat, soll der Test zudem klären. Denn wenn ein Stiefel so schwer und unbeweglich geriet, daß sich kaum noch die Motorrad- raste erfühlen läßt, ist die passive Sicherheit deutlich eingeschränkt.
Wenn das gute Stück zudem beim Gehen nach wenigen Metern drückt, zieht man es wahrscheinlich eh nicht an. Apropos An- und Ausziehen: Auch das sollte problemlos möglich sein, doch auch hier steckt der Teufel im Detail, genau wie bei der Verarbeitung der Testmuster, die, soviel sei schon verraten, aber keinen Anlaß zur Kritik bot. Wie die Testpunkte zusammengefaßt aussehen, steht in einer Tabelle am Ende dieses Vergleichstests.
Gefühl Fahren/RasteWie bereits erwähnt, muß die Raste des Motorrades samt Brems- und Kupplungshebel gut erfühlbar bleiben, einfach weil hier viel für den Vortrieb eines Motorrades passiert. Daß dies nicht immer perfekt gelingt, verdeutlichen der Gaerne G-RS und der TCX-Stiefel. Deren Aufbau geriet etwas zu steif und zu klobig, was insbesondere das Schalten erschwert. Wie es besser geht, zeigen der ebenfalls recht steife Puma, der jedoch eine gute Beweglichkeit zuläßt, als auch der SMX-4 von Alpinestars, der mit seinem im Vergleich weichen Aufbau hier einen Vorsprung gewinnt.
GehenHier kann der Alpinestars ebenfalls überzeugen, auch weil ihm die zusätzlichen Versteifungen fehlen. Sein Geh-Komfort erreicht annähernd Turnschuh-Niveau, wohingegen die anderen Stiefel abfallen. Besonders dem Puma 1000 fällt die Bewegung ohne Motorrad schwer, Bequemlichkeit beim Gehen sieht anders aus.
SicherheitWas der Puma beim Gehen an Punkten verspielt hat, holt er sich beim Thema Sicherheit wieder. Zwar verfügen alle vier Stiefel über die gleiche Protektoren-Ausrüstung, sprich Schienbein, Ferse und Knöchel sind geschützt, die zusätzliche Verdrehversteifung des Fußgelenks wird aber zusätzlich belohnt. Weiter verfügt der Puma, genau wie der Stiefel von Gaerne, über ein Schnallensystem als Verschluß, welches direkt am Schienbeinschutz angebracht ist, und mitsamt Kunststoffabdeckungen um das Bein reicht, was die Schutzwirkung dieser beiden Stiefel noch erhöht. Der TCX-Competizione kommt nur mit Klett aus, ihm fehlt also genau wie dem Alpinestars der zusätzliche Plastikschutz. Allerdings bietet er im Innern noch ein Schnellschnürsystem, was den Halt des Fußes gegenüber dem Alpinestars deutlich verbessert, weshalb es hier zu einer Aufwertung kommt. Sieger dieses Kapitels bleiben aber die Stiefel von Gaerne und Puma, auch weil sie neben den großflächigen Abdeckungen besonders sicher am Fuß sitzen, der Puma verfügt beispielweise ebenfalls über ein Schnürsytem zur Fixierung des Fußes.
An-/Ausziehen
Hier muß insbesondere der Puma-Stiefel deutlich Federn lassen, da er als einziger ohne Reißverschluß auskommt. Der Einstieg in den engen Schaft wird dadurch deutlich erschwert, zum Ausziehen ist man sogar über freundliche Hilfe dankbar. Wie es besser geht, zeigen der Gaerne-Stiefel und der Proband von TCX. Trotz ihrer Verdrehsteifigkeit lassen sie sich relativ problemlos an- und ausziehen. Wie es am einfachsten geht, zeigt der Alpinestars SMX-4, in dem der Fuß, auch wegen der nicht vorhandenen Versteifungen, problemlos hineinfindet.
Verarbeitung
Wie bereits eingangs erwähnt, bieten sich bei diesem Thema keine wirklichen Kritikpunkte. So bekommt der Puma-Stiefel die meisten Punkte, weil Nähte, Materialauswahl und Erscheinung einfach überzeugen. Der Alpinestars-Stiefel fährt ebenfalls die volle Punktzahl ein. Besonders seine um den Stiefelrand nach oben gezogene Sohle hat hier überzeugt, genau wie der Rest des Stiefels. Die beiden anderen Paare verfehlen knapp die volle Punktzahl, weil beim TCX der Reißverschluß nicht leichtgängig funktioniert und beim Gaerne der Stoß zwischen Stiefel und Sohle etwas besser ausfallen könnte. Überzeugen können auf hohem Niveau aber alle Stiefel in dieser Kategorie.
FazitLetztendlich bestätigt sich, daß ein besserer Schutz eines Stiefels, hier die Verdrehsteifigkeit, in anderen Punkten zu Abzügen führt. Den besten Kompromiß schafft der Gaerne G-RS, der eine sehr ordentliche Schutzfunktion bietet, aber auch mit leichten Abstrichen im Alltagsgebrauch überzeugen kann. Besonders das gute Schnallen-Reißverschluß-System sichert ihm den Testsieg, wobei er sich auch preislich mit 269,95 Euro gut schlägt und somit ein echter Tip ist. Den hätte der 350 Euro kostende Puma-Stiefel auch bekommen, wenn er sich nur leichter An- und Ausziehen lassen würde. Der TCX-Competizione landet zwar nach Punkten auf dem letzten Platz, ist aber in keiner Kategorie wirklich schlecht, haut mit knapp 300 Euro aber auch eine ordentliche Kerbe in die Haushaltskasse, für die man mehr erwarten könnte.
Zum heimlichen Testsieger hat sich der Alpinestars SMX-4 entwickelt, bei dem man zwar auf einen Teil der Sicherheitsausstattung der anderen Stiefel verzichten muß, dafür bietet er mit einem Preis von 199,95 Euro ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis und ist fast so bequem und leicht anzuziehen wie ein Turnschuh.
Alpinestars SMX-4
Preis: 199,95 Euro
Bezug: Hein Gericke, Tel. 0180/ 5229522, www.hein-gericke.de
Fazit: Der Alpinestars überzeugt mit einer sehr guten Verarbeitung und einem fairen Preis, hat aber beim Thema Sicherheit noch Potential nach oben. Dafür trägt sich kein anderer so bequem.
Sehr empfehlenswert
Gaerne G-RS
Preis: 269,95 Euro
Bezug: Büse, Tel. 02471/12690, www.buese.de
Fazit: Der Testsieger könnte nur beim Fahrgefühl noch zulegen, ansonsten bietet er zu einem ausgewogenen Preis einen sehr guten Sicherheitsstandard gepaart mit Alltagstauglichkeit.
Sehr empfehlenswert
TCX Competizione RS
Preis: 299,95 Euro
Bezug: Polo, Tel. 0180/5225785, www.polo-motorrad.de
Fazit: Ein guter, wenn auch etwas klobiger Stiefel, der keine großen Schwächen aufweist, diese aber bei dem Preis noch ausmerzen könnte. Ansonsten passen Sicherheit und Alltagsnutzen.
Empfehlenswert
Puma 1000
Preis: 350 Euro
Bezug: Polo, Tel. 0180/52257850, www.polo-motorrad.de
Fazit: Viel Kunststoff, viel Schutz - der Puma zeigt, wie es geht, allerdings mit Einschränkungen im Alltagskomfort. Da könnte man für den Preis mehr erwarten, denn die Basis stimmt.
Empfehlenswert
Hier die Ergebnisse tabellarisch zusammengefaßt. Die Bewertung der Sicherheit erfolgte doppelt, weil dies der wichtigste Aspekt eines Sportstiefels sein sollte. Interessant ist dabei, daß mit dem Alpinestars SMX-4 und dem Gaerne G-RS zwei Stiefel die gleiche Punktzahl auf unterschiedlichen Wegen erreichen, der Testsieg aber an den Gaerne geht, weil er im Kapitel Sicherheit mehr überzeugen kann.
